3 Aspekte: Minderwertigkeitskomplexe bei Führungskräften

Birgit Kersten-Regenstein
@Caroline Pitzke

In meinem Beruf begegne ich vielen interessanten Menschen. Aber egal wie beeindruckend oder erfolgreich sie sind: Auf wertschätzende Bemerkungen reagieren die meisten mit Gegenwehr: „Nein, ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich so gut bin!“, „Ob das wirklich so ankommt? Ich weiß nicht genau, ob meine Mitarbeiter:innen zufrieden mit mir sind“. So – oder zumindest ganz ähnlich – klingen sie, während sie sich redlich bemühen, die eigenen Errungenschaften klein zu machen oder zu bagatellisieren.                                                

Die Lücke zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung

Manchmal zweifeln gerade die im Dialog mit sich selbst, die Aufgaben grandios bewältigen oder große Teams und Projekte zum Erfolg führen. Sie zweifeln, weil sie davon überzeugt sind, dass es nicht gut genug ist, was sie tun, es noch nicht ausreicht oder schlicht nicht zufriedenstellend ist.  Fremd- und Selbstwahrnehmung in Sachen Persönlichkeit, Außenwirkung und Kompetenz liegen bei vielen weit auseinander.

Ungefähr jede zweite Führungskraft  kommt zu einer solchen Fehleinschätzung, was sie selbst betrifft (ManagerSeminare, Beitrag von Anja Dilk aus managerSeminare 259). Wie kann das sein, dass so viele von uns erfolgreich sind und trotzdem Minderwertigkeitsgefühle haben? Dass wir nach außen eine Wirkung haben, die beeindruckt, aber nach innen an uns zweifeln und unsicher sind? 

Minderwertigkeitskomplexe: Ursache und Überwindung

Drei Aspekte führen meiner Ansicht nach zu dieser großen Diskrepanz und zu unangenehmen Minderwertigkeitsgefühlen: Falsche Vergleiche, unsere Persönlichkeitsstruktur und das Impostor-Syndrom. 

1. Keine falschen Vergleiche ziehen                                                        

Egal wo im Leben und der Karriere wir gerade stehen, es kann den Besten passieren, sich mit jemandem zu vergleichen, der beispielsweise schon lange erfolgreich ist, während wir gerade erst begonnen haben. Oder wir vergleichen uns mit einem Menschen, der ganz andere Kompetenzen hat oder vielleicht eine ganz andere Branche besetzt. Der dadurch sehr nachvollziehbar Dinge anders angeht und auf anderen Wegen löst.

Wir haben uns vielleicht direkt nach dem Studium auf den ersten Job und die Karriere konzentriert und dabei standen Partnerschaft, Kinder und Familie hintenan – wir vergleichen uns aber mit einer Person, die von Anfang an mit Kindern und Partner gestartet ist und dabei zusätzlich erfolgreich in ihrem Job ist. Von der eindeutigen Studienlage zu den verheerenden mentalen Auswirkungen von Vergleichen via Instagram, TikTok und Co. reden wir da noch gar nicht. 

Sich zu vergleichen kann sowohl frustrierend als auch inspirierend sein

Sich an anderen zu messen ist nicht per se schlecht. Wir müssen nur unbedingt zusehen, dass wir die richtigen Vergleichsparameter ansetzen. Wenn wir uns mit jemandem vergleichen und uns danach schlecht, klein und unbegabt fühlen, ist das ein eindeutiges Warnsignal. Inspiriert uns die Person, ihr nachzueifern, bekommen wir Lust, etwas Neues auf den Weg zu bringen oder die eigenen Kompetenzen zu erweitern, dann ist es wahrscheinlich der richtige Mensch und Maßstab.

2. Leistungsdenken und falscher Fokus

Viele Menschen sind in ihrer Persönlichkeitsstruktur mit einem Antreiber unterwegs, der ihnen sagt: „Ich muss leisten; ich muss mich anstrengen.“ Das kann ein wunderbarer Motor für Erfolg und eine besondere Leistungsbereitschaft sein. Jetzt kommt das große Aber: Dieser Antreiber ist nämlich zeitgleich ein Persönlichkeitskonstrukt, das uns dazu einlädt, alles, was uns nichts gekostet hat, was wir sozusagen mit links machen, als nicht wertvoll zu erachten. Dieser Antreiber suggeriert uns, dass wir an den Stellen, an denen wir Spaß an den Dingen haben – an denen es uns leichtfällt, an denen wir ohne große Anstrengungen Erfolge einfahren – nichts Bemerkenswertes geleistet haben. Denn es ist ja nur das etwas wert, was mir den Schweiß auf die Stirn treibt, was mich bis in die Nacht hart arbeiten lässt, was mich in meiner Anstrengung eindeutig von den anderen abhebt. Nur das ist erstrebenswert und kostbar.

Minderwertigkeitskomplexe können sich außerdem aus einem sogenannten Metaprogramm speisen. Das sind Ideen, die zu verschiedenen Verhaltens- und Denkweisen zwei in sich stark diametral zueinanderstehende Pole definieren. Zwei solcher Pole nennen sich „interne Kontrolle“ und „externe Kontrolle“. Menschen, die mit dem Metaprogramm „interne Kontrolle“ unterwegs sind, sind davon überzeugt, wirksam und dafür verantwortlich zu sein, was in ihrem Leben passiert.

Diametral dazu würden Menschen mit dem Metaprogramm externe Kontrolle auf die Frage, wie sie zu Ihrer Position, zu ihrem Erfolg gekommen sind, mit einem völlig anderen Fokus antworten: Sie haben den richtigen Lehrer gehabt, die Eltern haben sich angestrengt, um ihnen das Studium zu finanzieren. Sie haben Glück und sind im Unternehmen an eine gute Mentorin geraten. Es hat sich gerade so ergeben, dass diese Stelle frei war und sie zur rechten Zeit am Ort waren. In dieser Programmierung ist der Fokus nur darauf geschärft, was andere zum eigenen Erfolg beigetragen haben und nicht auf der eigenen Leistung.

Kommt dir das bekannt vor? Dann nimm dir am Ende eines jeden Tages fünf Minuten Zeit, um dich zu fragen, was du heute geschafft hast. Notiere dir drei, vier Dinge und beantworte auch, was du dazu beigetragen hast.

3. Impostor-Syndrom lässt grüßen

In den westlichen Kulturen leiden Frauen wie Männer am Impostor-Syndrom – oder leben zumindest mit ihm. Auch von bekannten Menschen wie Michelle Obama , Scheryl Sandberg, Emma Watson, Charlize Theron oder Tom Hanks wissen wir, dass sie mit diesem Syndrom zu kämpfen haben. Michelle Obama hat es in ihrem Buch Becoming beschrieben. Es gibt außerdem immer wieder Artikel dazu und darüber. Man könnte es bereits als Volkskrankheit bezeichnen. Es handelt sich allerdings nicht um eine Krankheit, sondern auch um ein Persönlichkeitskonstrukt, das geprägt ist von Perfektionismus und vermutlich den bereits oben genannten Punkten. 

Zweifel und Minderwertigkeitsgefühle auflösen

Ich bin fest davon überzeugt, dass zu jedem erfolgreichen Menschen und zu guten Führungskräften ein gesundes Hinterfragen gehört. Führung braucht Persönlichkeit. Und nur durch Reflexion können wir sie weiterentwickeln. Es ist sinnvoll, Reflexionsschleifen einzuüben und sich zu fragen, ob es gut so ist, wie es ist, ob es so weiter gehen oder ob man was verbessern kann. Aber wenn sich zunehmend Zweifel säen oder Minderwertigkeitsgefühle verstärken, müssen wir anfangen, die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung Stück für Stück aufzulösen.

Frag beispielsweise im Freundeskreis nach ehrlichem Feedback. Oder lass dir zu deinen Erfolgen Einschätzungen deiner Vorgesetzten geben und sammle Errungenschaften, die dir gelungen sind, um sie parat zu haben, wenn ein Minderwertigkeitsgefühl um die Ecke schaut. Nur so können wir weiter mit gutem Beispiel vorangehen und die Epidemie von Impostor-Syndrom und Co. in unserer Gesellschaft weiter eindämmen. 

Birgit Kersten-Regenstein
@ Caroline Pitzke

Unsere Autorin Birgit Kersten-Regenstein

Birgit begleitet mit ihrem Unternehmen Teamkompetenz seit über 17 Jahren Führungskräfte in ihrer Kompetenzentwicklung, moderiert Teams, die sich in die Sackgasse manövriert haben, und unterstützt Menschen, ihre Resilienz, ihre innere Unabhängigkeit und ihre Integrität zu stärken. Denn gute Führung braucht ihrer Erfahrung nach vor allem eins: Persönlichkeit. Zu ihren Kunden zählen namhafte Unternehmen wie Dr. Oetker, Miele, s.Oliver oder die Deutsche Bahn.

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