Österreich: Leben, wo andere Urlaub machen

[Text: Dr. Iris Wangermann*] Haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht im Rahmen eines Austauschs eine Zeit in Österreich zu studieren, österreichische Luft ihm Rahmen eines Praktikums zu schnuppern, oder erste Karriereschritte zu wagen? Gerade für Ingenieure ist Österreich sehr attraktiv.

Zählt doch der österreichische Arbeitsmarktservice (2011/12) besonders die technischen zu den österreichischen Berufen der Zukunft. Und Sie leben dort, wo andere Urlaub machen.
Auf kulturelle Unterschiede sollten Sie sich allerdings gefasst machen. „Zwischen Deutschen und Österreichern? Da spricht man doch schon die gleiche Sprache“, sagen die meisten. Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Mit dieser Haltung tappt man garantiert in in eines der vielen interkulturellen Fettnäpfchen tappen.

Von der Höflichkeit – „Küss die Hand, Frau Medizinalrat“

Der höfliche Umgang der Menschen miteinander ist wohl das erste, was deutschen Besuchern in Österreich auffällt. So kann man Szenen beobachten, in denen es quer durch die Bäckerei dröhnt: „Hättens sonst noch an Wunsch, Frau Medizinalrat?“, wobei man dann noch wissen sollte, dass die “Frau Medizinalrat“ die Frau vom Herrn Medizinalrat ist. Und dass die Frau Bäckerin der Frau Medizinalrat mit diesem Akt stilsicher vor versammelter Kundschaft “Gesicht gibt“, indem sie die gesamte anwesende Kundschaft höflich auf ihren Status (als die Frau vom hochangesehenen Herrn Medizinalrat) hinweist.

Das Gesicht-Konzept ist etwas, was man eher aus Asien kennt. Doch dank kaiserlicher Monarchie-Geschichte („Sissi!“, „Franz!“), geht es in Österreich immer noch höf(l)i(s)cher zu als in Deutschland wo man schon zu Goethes Zeiten „lügt, wenn man höflich ist“ (Faust II).

Vom richtigen Umgang mit den Vorgesetzten

Schon die österreichischen Schulkinder nennen ihre Lehrer “Frau oder Herr Professor_in“. Das hat allerdings nicht zur Folge, dass Sie sich vor Ihren österreichischen Chefs oder Chefinnen dienernd durch die Unternehmensflure bewegen müssen. Ganz im Gegenteil: In Österreich ist die so genannte Machtdistanz – also jene Kulturdimension die der niederländische Wissenschaftler Hofstede beschreibt – viel niedriger (11) als in Deutschland (35). Offen demonstrierte Machtunterschiede werden hier weit weniger toleriert, als in Deutschland.

Gut zu wissen: Wie passt das nun mit der Titelverliebtheit zusammen? Ganz einfach: Über das Aussprechen der Titel gibt man dem anderen Gesicht. Dadurch hat dieser es dann weit weniger nötig, seinen Machtunterschied offen zur Schau zu stellen.

Leben in Österreich –Wandern, Baden, Ski fahren und Kultur

Eines der ganz großen Vorteile des Lebens in Österreich sind die Nähe zur Natur und die vielfältigen Kulturangebote. Ob man im Frühling das reiche, kulturelle Angebot in Wien genießt, den Sommer an den kristallklaren Kärntner Badeseen oder bei den Bregenzer oder Salzburger Festspielen, im Herbst an der steirischen Weinstraße in eine der Buschenschanken einkehrt und den ersten Wein, Maronen, selbstgemachten Käse und Wurst genießt, bevor man zu einem der vielen pompösen Bälle geht, oder im Winter die Skigebiete unsicher macht. In Österreich hat das Leben eindeutig einen Mehrwert.

Erdäpfel, Palatschinken und Vogerlsalat

In den österreichischen Supermärkten bekommt Sie alles, was Sie auch in Deutschland bekommen. Nur die Namen mancher Lebensmittel sind anders und man wird Sie schräg von der Seite anschauen, wenn Sie Kartoffeln statt Erdäpfel, Tomaten statt Paradeiser und Brötchen statt Semmeln verlangen.

Eine legendäre und günstige Fast-food Alternative und für Studierende perfekte Zwischenmahlzeit ist die “Extrawurscht-Semmel“, die man sich in fast jedem Supermarkt an der Wurst-Theke frisch zusammenstellen lassen kann. Hauchdünne Scheiben Fleischwurst und auf Wunsch ein “saures Gurkerl“ werden auf die frisch aufgeschnittene Semmel gelegt. Kosten: Semmel und Gramm-Preis der Extrawurst. Guten Appetit!

Kaffeehaus-Kultur

Die legendären Wiener Kaffeehäuser sind für viele Menschen in Österreich das verlängerte Wohnzimmer und schon immer Treffpunkte von Künstlern und Intellektuellen – ein Ort an dem sich auch Studierende sehr wohl fühlen können:

Anders als in anderen Cafés können Sie in den Kaffeehäusern auch mal nur einen Kaffee bestellen und dann stundenlang sitzen bleiben, ohne dass man Ihnen das Gefühl vermittelt, dass Sie doch gefälligst entweder eine weitere Bestellung aufgeben, oder den Tisch für die Nächsten frei machen sollen. Sie können dabei eine der Zeitungen lesen, die in praktischen Haltern aus Buchenholz überall ausliegen. Diese Haltung kommt noch aus dem 19. und 20. Jahrhundert, als sich viele Maler (wie Gustav Klimt, Egon Schiele) und Schriftsteller (wie Hugo von Hofmannsthal) des Landes in den Kaffeehäusern aufhielten und hier ihre Werke schrieben, die sogenannte Kaffeehausliteratur.

Und überhaupt trinken Sie in einem Kaffeehaus nicht nur einen Kaffee. Sie bestellen – aus einer endlosen Liste – vielleicht einen kleinen oder großen Schwarzen (einfacher oder doppelter Mokka), oder Braunen (Mokka mit Milch oder Kaffee-Obers (Sahne)), einen Verlängerten (kleiner Schwarzer, mit derselben Menge heißem Wasser wie Mokka übergossen), in schwierigen Lebens-Momenten vielleicht auch mal einen Fiaker (großer Mokka im Glas mit viel Zucker und einem Stamperl Sliwowitz (Pflaumenbrand) oder einen Maria Theresia (Mokka mit einem Schuss Orangenlikör). Auch serviert man Ihnen zu jedem Kaffee ein Glas Wasser, mit dem Sie sich den Mund ausspülen können, um das Kaffeearoma noch besser zu genießen.

Dazu versuchen Sie doch eine der berühmten österreichischen Mehlspeisen: Strudel, Buchteln, Kuchen, Torten oder Palatschinken (Pfannkuchen). Vielleicht auch draußen im Schanigarten, von dem aus man die vorbeiflanierenden Menschen gut beobachten kann.

Gut zu wissen: Die Wiener Kaffeehauskultur zählt übrigens seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Arbeiten, wo andere ihren Urlaub verbringen, macht in Österreich besonders viel Spaß. Ein interkulturelles Vorbereitungstraining ist – trotz vermeintlich gleicher Sprache – eine sinnvolle Investition. Dann klappt´s auch mit den Nachbarn.

Die Autorin:

*Dr. Iris Wangermann – In Österreich nennt man Iris Wangermann auch „Frau Doktor“. Die deutsch-österreichische Diplom-Psychologin und Dozentin für Interkulturelle Kompetenz sowie Diversity Management studierte und arbeitete selber fünf Jahre in der Alpenrepublik. Sie ist bekennende Kaffee-Liebhaberin und Wurschtsemmel-Esserin.  www.iris-wangermann.de

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