Mutterschaft und Gehalt: „Eine Auszeit darf nicht als schlechte Leistung gelten!“

[Ein Gastbeitrag von Nina Schnoor, Gehalt.de] Dass Arbeitnehmerinnen in Deutschland weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, konnten wir mit unterschiedlichen Analysen feststellen. So berechneten die Kolleginnen und Kollegen der Vergütungsberatung Compensation Partner im vergangenen Jahr eine bereinigte Entgeltlücke von 4,5 Prozent

Doch warum finden wir nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt überhaupt einen Gender Pay Gap vor? Vor allem die Familiengründung spielt hier eine wichtige Rolle, denn durch sie werden die Karriere und damit auch die Gehaltsentwicklung laut einer jüngsten Studie unterbrochen. Mit der Entscheidung für eine Familie gehen für Frauen in der Regel mit hohen Einbußen einher, wie eine Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt. 

Aktuelle Studie: Gehaltsbiografie 2019

In der aktuellen Studie von Gehalt.de, der Gehaltsbiografie 2019, widmen wir uns unter anderem der Frage, wie hoch die Gehaltseinbußen durch eine Mutterschaft für Arbeitnehmerinnen sein können. Darin ermitteln wir die Einkommenshöhe in Abhängigkeit zum Alter sowie die kumulierten Lebenseinkommen – das heißt, dass die jährlichen Bruttogehälter vom 20. bis zum 60. Lebensjahr aufsummiert wurden. Am Ende eines Szenarios steht dann jeweils eine Summe, die sich mit anderen vergleichen lässt. Dadurch möchten wir das Ausmaß einer Gehaltsveränderung aufzeigen, die durch bestimmte Entscheidungen und Schicksale im Leben eintreffen kann.

Drei Szenarien im Vergleich

In der Analyse stellen wir Szenarien einander gegenüber, die sich hinsichtlich Beruf, Branche, Ausbildung unterscheiden oder durch bestimmte Ereignisse geprägt werden. In dem für uns relevanten Beispiel untersuchen wir das Lebenseinkommen einer Einzelhandelskauffrau, die in einem ersten Szenario in ihrer Position bleibt, in einem zweiten ein Kind auf die Welt bringt und in einem dritten einen steilen Karriereweg einschlägt.

  • Szenario 1: Im Fokus steht hier eine Frau, die mit 20 Jahren eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau absolviert, angestellt wird und danach weder Unternehmen noch die Position wechselt.
  • Szenario 2: Die Einzelhandelskauffrau ist nach der Ausbildung ebenfalls 20 Jahre alt und bezieht das gleiche Einstiegsgehalt von rund 25.200 Euro. Mit 31 Jahren legt sie aufgrund einer Schwangerschaft eine Auszeit ein. Dabei bezieht sie ein Jahr Elterngeld und ist danach in Teilzeit auf 30-Stunden-Basis tätig. Mit 45 Jahren nimmt sie wieder ihre Vollzeit-Stelle auf. 
  • Szenario 3: Hier betrachten wir das Szenario einer Einzelhandelskauffrau, die eine Weiterbildung zur Fachwirtin absolviert und eine Karriere im Handelswesen einschlägt. Später wechselt sie in ein größeres Unternehmen, studiert Betriebswirtschaft und übernimmt dann als Führungskraft Personalverantwortung.

Vergleich der Szenarien

Die absolute Differenz zwischen den Lebenseinkommen einer Kundenberaterin im Einzelhandel ohne Kind (1. Lebensszenario) und der mit Nachwuchs beträgt circa 111.900 Euro. Das Lebenseinkommen der Mutter ist somit 10 Prozent niedriger. 

Hierbei gehen wir davon aus, dass die Gehaltsentwicklung nach der Auszeit wie im regulärem Verlauf fortgesetzt wird – in der Realität haben Frauen jedoch häufig mit Problemen zu kämpfen: Eine Studie der Frankfurt University of Applied Sciences unter rund 1.800 Frauen ergab beispielsweise, dass 37 Prozent der Teilnehmerinnen nach einer Auszeit  – bedingt durch eine Schwangerschaft – die Streichung und 11 Prozent die Reduzierung einer angekündigten Gehaltserhöhung hinnehmen mussten. 

Laut der Studie erfahren zudem viele Frauen aufgrund ihrer Schwangerschaft Diskriminierung und 65 Prozent gaben an, dass dadurch ihre beruflichen Kompetenzen herabgesetzt wurden. Geplante Karriereschritte wurden nur noch bei 43 Prozent der Befragten auch nach der Elternzeit verwirklicht.

Mit dem 3. Szenario ergibt sich ein Lebenseinkommen, das rund 1,8 Millionen Euro höher ist als das aus zweite Szenario. Somit verdient eine Einzelhandelskauffrau, die im Laufe ihrer Karriere zur Einkaufsleiterin aufsteigt, in ihrem gesamten Berufsleben mehr als doppelt so viel wie eine Einzelhandelskauffrau, die Mutter wird und in ihrer Position bleibt. 

Fazit

Anhand der Daten können wir deutlich erkennen, dass eine längere Unterbrechung durch eine Familiengründung für Beschäftigte problematisch ist – diese müssen jedoch aktuell meist nur die Frauen in Kauf nehmen. Die Wissenschaft spricht dabei von einer „Child Penalty“, also einer „Kind-Strafe“ hinsichtlich des Einkommens. Würden Männer ebenfalls eine längere Auszeit einfordern, würde sich das vermutlich auch negativ auf ihre Karriere auswirken. Laut der Studie des DIW Berlin fürchten das nämlich 20 Prozent der Männer, die deshalb kein Elterngeld in Anspruch nehmen wollen. 51 Prozent gaben hier finanzielle Gründe an. 

Arbeitgeber müssen sicherstellen, dass Beschäftigte wieder erfolgreich ins Berufsleben zurückkehren können und eine längere Auszeit nicht als Indiz für eine ungenügende Leistung steht. Auf diese Weise würden sich die Benachteiligungen von Langunterbrechern und damit auch die der weiblichen Beschäftigten langsam auflösen. Politische Maßnahmen müssen zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer erleichtern – zum Beispiel durch den Ausbau der Kinderbetreuung oder der Ausgestaltung des Elterngeldes.

Methodik der Gehaltsbiografie 2019 

Alle Vergütungsangaben werden auf eine 40-Stunden-Woche, auf Basis von 12 Monatsgehältern und 28 Urlaubstagen hochgerechnet. Die ausgewiesenen Gehälter sind als durchschnittliche Bruttojahresangaben zu verstehen – also Grundgehälter inklusive variabler Bestandteile wie Boni, Prämien, Tantiemen und Provisionen. Für die Berechnung der Lebenseinkommen sind die jeweiligen Jahresgehälter als Durchschnitt für das jeweilige Jahr und die darauf folgenden vier Jahre zu verstehen. 

Verdient der oder die Beschäftigte im Alter von 20, 21, 22, 23 und 24 Jahren beispielsweise 40.000 Euro, beträgt das Lebenseinkommen 200.000 Euro. Ab dem 25. Lebensjahr beträgt das neue Gehalt dann beispielsweise 45.000 Euro. Bis zum 30. Lebensjahr sind es dann 425.000 Euro, also 225.000 Euro summiert mit den 200.000 Euro aus den Jahren zuvor. Am Ende wird für das 60. Lebensjahr das letzte Gehalt zusätzlich addiert, um das kumulierte Einkommen bis zum Ende des 60. Lebensjahres zu ermitteln.

Das Elterngeld setzt sich aus 67 Prozent des Netto-Einkommens zusammen, das die Mutter in den 12 Monaten vor der Geburt erhalten hat. Es beträgt mindestens 300 und höchstens 1.800 Euro monatlich. Vom Elterngeld gehen weder Steuern noch Sozialabgaben ab. Auf eine Umrechnung von Brutto in Netto wird in dem Szenario verzichtet. 

Über die Autorin

Nina Schnoor ist bei der Vergleichsplattform GEHALT.de und der Vergütungsberatung Compensation Partner beschäftigt. Sie und ihr Team führen regelmäßig Studien und Analysen zu den Themen Gehalt, Karriere und Beruf durch. Im Fokus dieser Auswertungen steht auch häufig die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern. 

Über GEHALT.de

GEHALT.de ist das führende Gehaltsportal im deutschsprachigen Raum. Jeden Monat unterstützt die Webseite mehrere Millionen ArbeitnehmerInnen mit vielfältigen Services und wertvollen Entscheidungshilfen. Das Onlineportal bietet einen kostenfreien Zugang zu aktuellen Gehaltsdaten und verfügt über eine der größten Vergütungsdatenbanken in Deutschland.

Das Angebot reicht von spannenden Statistiken, Auswertungen für einzelne Berufe und Branchen, Informationen zu Themen rund um Gehalt, Karriere und Arbeitswelt bis hin zu Tipps und Tricks für die erfolgreiche Gehaltsverhandlung. Ein weiteres Kernelement ist die integrierte Meta-Jobsuchmaschine, die Anzeigen aller relevanten Jobbörsen in Deutschland bündelt und darüber hinaus ein zu erwartendes Gehalt schätzt. Damit bietet GEHALT.de als erste Webseite in Deutschland einen Gehaltsfinder für Stellenanzeigen.

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