Mental Load: Lass es fließen

fuße schauen aus Wasser raus

Es kommt immer anders als man denkt. Während wir versuchen, unser Leben zu sortieren, zu organisieren und der inneren Balance hinterherzulaufen, geht genau dieses Leben einfach weiter. Ohne uns. Denn während wir ordnen, terminieren, Ziele stecken und analysieren, verlieren wir den Vibe. Ein Beitrag als Aufruf dazu, loszulassen, Prioritäten zu setzen und den Rest zu lassen, wie er eben ist.

Disclaimer

Jeder Mensch tickt anders, jede Familie funktioniert anders. In diesem Beitrag spreche ich aus meiner Erfahrung und gebe meine Meinung wieder. Vielleicht sind für die oder den einen oder anderen ein paar wertvolle Impulse dabei und wenn nicht: Dieser Beitrag soll kein Momshaming sein, kein Anlass, um über die Sinnhaftigkeit von individuellen Lebens- und Familienentwürfen zu streiten.

Die Zahnspange ist kaputt. Zwei Tage zuvor beendete ich mittags meine Arbeit, um meinen Sohn zum Kieferorthopäden zu begleiten. Er bekam eine Zahnspange – die zweite, nun wird nachkorrigiert. Ich startete also motiviert in Runde zwei – einen Tag später vergaß er sie im Mensa der Schule. Atmen, einfach atmen. Jetzt ist sie verbogen und ein Stück abgebrochen. Also hieß es: Am nächsten Tag wieder mitten in der Arbeitszeit zum Kieferorthopäden, mit dem Resultat, dass die Spange eingeschickt werden muss. „Ich melde mich dann nächste Woche, wenn sie wieder da ist und dann kann er zum Einsetzen vorbeikommen“. Ja klar. Wieder während meiner Arbeitszeit. Und wieder hieß es: Atmen.

Den Mental Load spüren

Ich denke, du musst keine Kinder haben, um in Stress zu geraten. Aber eines ist sehr, sehr sicher: Mit Kindern gibt es nicht weniger davon. Ich finde es immer sehr spannend, wenn Menschen auf LinkedIn oder Instagram Eltern werden. Ich begleite sie dann mit einem liebevollen Auge durch die Schwangerschaft, streichle ihnen digital über den Kopf und flüstere ihnen zu „Warts mal ab.“ Und wenn das Kind dann da ist, sitze ich vor meinem Bildschirm und warte. Ich warte darauf, dass es – vornehmlich auf LinkedIn – plötzlich hektisch zugeht. Denn jetzt ist es Realität. Themen wie Mental Load kommen auf, Altersvorsorge, Elternzeit, Gelder-Debatten werden aufgemacht. Es herrscht Empörung über die Berechnung von Elterngeld, über Männer, die plötzlich merken, dass sie beim Thema Elternsein auch gemeint sind, über fehlende Kitaplätze. Mit steigendem Alter bemerken sie dann, dass auch das Schulsystem marode ist. Warts mal ab.

Tipps bei Mental Load

Und abgesehen von den gesellschaftspolitischen Debatten nehmen junge Eltern auch etwas anders wahr. Sie wissen jetzt, was es bedeutet, sich um einen kleinen Menschen zu kümmern. Ich will an dieser Stelle keine Debatte über die Frage eröffnen, ob und wann man Kinder bekommen sollte. Ich möchte erst einmal nur meine Beobachtung teilen, dass sich niemand vorstellen kann, wie es ist, Kinder zu haben und sich darauf einzulassen, einige Jahre lang die Welt eines jungen Menschen zu sein. Es ist ein verdammter Ausnahmezustand. In den Medien werden gern diese Themen verhandelt: Wie viel Solidarität braucht es von einer Gesellschaft für Familien? Warum landen Mütter immer in Teilzeit? Und wo sind eigentlich die Väter? Es wird über Elterngeld gesprochen, über alleinerziehende Elternteile und Ehegattensplitting. Das sind die Diskurse, die die Gesellschaft verhandeln muss. Ich möchte an einer anderen Stelle ansetzen. Es ist die Frage, wie wir ganz persönlich, als Mütter und Väter auf die neue Lebenssituation reagieren.

Es gibt die Menschen, die versuchen, auch nach der Geburt des Kindes ein Leben wie zuvor weiterzuleben. Und ich glaube, dass viele Menschen unbewusst annehmen, dass das tatsächlich so möglich ist. Ja klar, man weiß theoretisch, dass es nicht so ist. Denn es gibt ja eine Variable mehr im Spiel – einen neuen Menschen. Aber die Rechnung ist dann etwas unkonkret: Kind geht vormittags in die Kita und wir können als Eltern währenddessen arbeiten. Nachmittags Familienzeit und abends schläft das Kind, dann gibt’s die wohlverdiente Paarzeit. Wird schon passen. Sicher, sicher, sagt die Zynikerin in mir. Aber ganz ehrlich: So läuft es nicht.

Ich bin MUTTER!

Man muss es erst fühlen, um es in Gänze zu verstehen. Den Schlafmangel, die Hormone, dieses neue Gefühl der krassen Verantwortung. Man hört das insbesondere von jungen Müttern: Wenn wir arbeiten, fühlen wir uns schuldig, weil wir nicht beim Kind sind. Wenn wir beim Kind sind, stresst uns die Arbeit auf dem Schreibtisch. Und das alles selbst dann, wenn es liebevolle Großeltern gibt, die gern das Enkelkind nehmen. Will ich das eigentlich, um endlich mal wieder die Wohnung aufzuräumen? Oder würde es nicht auch gut tun, zusammen ein Eis essen zu gehen? Es ist ein ewiges Austarieren.

Es ist ein neuer Teil der eigenen Persönlichkeit, der bleibt. Für immer. Das lässt sich nicht wegorganisieren.

Christiane Kürschner

Hinzu kommen viele Veränderungen im sozialen Gefüge. Freunde ohne Kinder fühlen sich oft abgehängt, spätestens in der Kita-Zeit verbringt man plötzlich Zeit mit Kita-Eltern auf dem Spielplatz. Auch das Verhältnis zu den eigenen Eltern verändert sich, denn sie sind nun auch Großeltern. Und es gibt diese neue Facette der eigenen Persönlichkeit, die sich Vater sein oder Mutter sein nennt. Das muss man ja auch erst einmal verkraften. In der Vorstellungsrunde der Kita wird man als Elternteil angesprochen und es macht „peng“ im Kopf. Ich bin die Mutter eines Kindes! Es ist ein neuer Teil der eigenen Persönlichkeit, der bleibt. Für immer. Das lässt sich nicht wegorganisieren.

Willst du Familien-Manager*in sein?

Wie geht man nun mit diesem Stress um? Ich kann natürlich versuchen, einfach alles „unter einen Hut zu bekommen“. Wer es sich leisten kann, der outsourct. Die groben Haushaltsaufgaben übernimmt die Reinigungskraft, die ein bis zwei Mal pro Woche kommt. Vielleicht ist auch Platz für ein Au Pair, dass das Kind am Nachmittag betreut. Ich finde dieses Vorgehen schwierig, denn ich frage mich, was nach dem Outsourcen bleibt. Mein größter Horror: Am Wochenende möchte mein Kind sein Lieblingsmüsli essen – und ich weiß nicht, welches es ist, weil unter der Woche das Au Pair das Frühstück begleitet. Das ist so ein persönliches Ding. Und welches Weltbild gebe ich meinen Kindern mit, wenn eine Arbeitskraft die Familienräume putzt? Ist das nicht etwas, was zum Leben dazugehören sollte? Schwierig für mich.

Beitrag zu Vereinbarkeit von Familie und Karriere

Indem wir Lebensbereiche wie Haushalt und die Kinderbetreuung am Nachmittag auslagern, verdinglichen wir sie. Sie werden zu einem bloßen To-do auf unserer Liste. Etwas, das organisiert werden muss. Wir managen unser Leben wie andere ihr Büro. Alles wird optimiert, in Zeiteinheiten unterteilt, zerstückelt und ein Stück weit entseelt. Ich bin nicht übermäßig spirituell angehaucht und verfolge auch keine Botschaften wie „Familie als Kern der Gesellschaft schützen“ oder „Frauen zurück an den Herd“. Ich sehe nur in anderen Familien, die tatsächlich das Unmögliche anstreben „alles unter einen Hut zu bekommen“, wie sie ihrem eigenen optimierten Zeitplan hinterherlaufen und sagen: „Es muss funktionieren!“ Sie müssen funktionieren. Das Kind muss funktionieren. Das System muss funktionieren. „Andere schaffen es doch auch!“, hört man dann. Sicher, aber du willst nicht wissen wie.

Da wird das Kind unter größter Anstrengung zum Klavierspielen geschleift, weil musikalische Früherziehung so wichtig ist. Und auch wenn die große Schwester schon Schoki essen darf, darf der kleine Bruder das nicht. Die ersten zwei Jahre haben schließlich zuckerfrei zu sein. Und damit die Beziehung läuft, schiebt ihr auf den Freitag Nachmittag noch die Paartherapie rein. Und Yoga am Abend wird zum Stress, weil man eigentlich müde ist und viel lieber auf der Couch chillen will. Aber nein, denn neben all den Bedürfnissen, Wünschen und To-dos, auf die man unvermeidlich zu Hause trifft, fordern Instagram, LinkedIn und Co. auch noch von uns, dass wir uns doch bitte schön Zeit für Selfcare nehmen. Freiwillig und mit offenem Herzen.

Lass es fließen

Also wie nun alle Bälle in der Luft halten? Mein Tipp: Gar nicht. Ich lasse sie fallen, die Bälle, ganz bewusst. In einer unserer aktuellen Ausgaben der Serie „Mittagspause am Mittwoch“ antwortet Sandra Echemendia auf die Frage, ob für sie Vereinbarkeit ein Thema ist: „Das war es lange Zeit, mittlerweile ist es das nicht mehr. Ich unterscheide nicht zwischen beruflich und privat, es fließt ineinander. Und seitdem ich das so sehe, ist der Druck weg, irgendetwas zu ‘müssen‘.“

Sandra hat ein erwachsenes Kind und ich weiß nicht, ob dieser Druck erst weg ist, seit dieses Kind flügge ist. Ich hoffe für sie, dass es schon vorher der Fall war. Ich bin in jedem Fall nicht bereit, diesen Druck knapp 20 Jahre auszuhalten, um anschließend wieder frei zu sein. Ich möchte, dass jetzt schon alles ineinanderfließt. Denn das Leben ist jetzt, es wartet nicht nach dem Abarbeiten der ganzen To-dos. Das Leben ist der tägliche Gang in die Küche, um Frühstück zu machen. Das Leben ist der Abwasch. Es ist auch das Arbeiten, es ist das aus dem Fenster schauen. Das gemeinsame Singen im Auto. Hausaufgaben machen. Das Lesen im vollbesetzten Pendlerzug nach Hause. Zahnspangen schrotten. Ich will das alles, denn das ist gerade mein Leben, unser Leben. Indem ich das akzeptiert habe, fließt es. Der Druck ist weg.

Hinterfrage deine Glaubenssätze

Mein Credo lautet: Der Tag hat 24 Stunden und ich kann ihn nicht zu 150 Prozent füllen. Soviel mehr Zeit bräuchte ich, um einen ordentlichen Haushalt zu führen, meinen Kindern jeden Tag eine gesunde Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, den Garten optimal zu führen, alle meine To-dos im Job tagesaktuell abzuarbeiten, etwas für meine Gesundheit und Beziehung zu tun. Selfcare, Weiterbildungen, Reisen, Kultur, Sport, Freunde: Es geht nicht alles gleichzeitig. Darin würde mir Umut Özdemir wahrscheinlich zustimmen. Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut sagte auf dem Z2X-Festival 2023: „Wir können – ganz logisch betrachtet – nicht in jedem Bereich 100 Prozent geben, weil unser Leben die Summe aller Bereiche ist. Wir können nicht alles perfekt machen. Und das Beste ist: Wir müssen es auch gar nicht.“

Klar, denn wer zwingt uns denn zwei Mal im Jahr die Fenster zu putzen? Niemand. Warum tust du es trotzdem? Weil die (Schwieger-)Mutter ansonsten beim nächsten Besuch einen Spruch macht? Dann erkläre ihr, dass du dafür keine Zeit hast und sie dir auch nicht nehmen möchtest. Oder mache es zu einer wahren Priorität in deinem Leben, weil es dir WIRKLICH wichtig ist.

Hinterfrage, warum Dinge dir wichtig erscheinen. Auf diesem Weg begleitet dich die Frage: Was willst du wirklich? Und was glaubst du, wird von dir erwartet? Was denkst du, muss so sein? Das bezieht sich nicht nur auf die eigene Lebens- und Tagesgestaltung, sondern auch auf die der Kinder: Müssen sie jeden Tag etwas frisch Gekochtes essen oder reicht vielleicht das Mittagessen in der Schule? Ist es ein Muss, dass ein Kind viele Hobbys hat? Muss der Nachmittag oder auch das Wochenende immer pädagogisch sinnvoll gestaltet werden?

Was ist JETZT wichtig?

Stephanie Poggemöller spricht davon, dass jede Familie ihren Fokus finden muss. Sie ist Coach für berufstätige Eltern und Unternehmen und weiß, dass halt nicht alles geht. „Was hält uns eigentlich davon ab, weniger perfekt zu sein? Als Argument höre ich häufig, dass die Gesellschaft diesen Perfektionsanspruch habe, es also von jedem erwartet werde. Aber ist ein Paar, eine Familie, nicht die kleinste Einheit der Gesellschaft? Wir sollten bei uns selbst beginnen. Dann gibt’s halt mal drei Tage lang Nudeln mit Tomatensoße.“

Umgang von Frauen mit Mental Load

In einem ZEIT-Interview, aus dem das obige Zitat stammt, spricht sie auch über die eigene Prägung. Die fällt uns oft erst auf, wenn das Kind schon da ist. „Nach der Geburt springt häufig ein Automatismus an, der sehr stark vom eigenen Elternhaus geprägt ist. An die eigenen Erfahrungen knüpft man an“, sagt sie. Auch hier sind wir beim Thema Fensterputzen: Wenn die eigene Mutter vielleicht eine astreine Hausfrau war, kann ich den unbewussten Drang dazu verspüren, das auch so zu handhaben. Es ist dann eine Frage der Reflexion, der Bewusstmachung, herauszufinden, ob diese Haltung und diese Priorität Platz in meinem Leben hat und ob ich das selbst überhaupt möchte und brauche.

Sei im Hier und akzeptiere

Um bei mir selbst zu bleiben: Ich brauche das Fensterputzen aktuell gar nicht. Unter der Woche lebt die Familie vom Wäscheständer und wenn alle Familienmitglieder ein Mal die Woche alle erst am frühen Abend zu Hause eintrudeln, gibt es die Fertigpizza. Basta. So bleibt Zeit, sich das neuste Matchbox-Auto vom Jüngsten erklären zu lassen. Der Ältere singt sein neustes Lieblingslied vor und philosophiert über die Frage, ob es eine größte Zahl geben kann („Es muss doch!“). Und wir Eltern gönnen uns inmitten dieses ganzen Szenarios eine halbe Stunde Zeit, um am Esstisch über unseren Tag zu sprechen und uns beim Wort „Steuererklärung“ liebevoll in die Augen zu schauen. Das ist gerade das Leben, in dem einige Dinge keinen Platz haben, weil sie keine Prio haben. Aber der Tag wird kommen, an dem sie diesen Platz vielleicht wieder bekommen. Wer weiß?

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