Aysel Osmanoglu: „Schubladen wollte ich immer vermeiden.“

Kleide dich nicht zu auffällig, mische dich unter die richtigen Leute, benimm dich wie die Männer: Karrieretipps können Angst vor den eigenen Kanten machen. Aysel Osmanoglu kam gar nicht darum herum, aufzufallen – vor allem wegen ihrer hervorragenden Arbeit. Mit 39 Jahren ist sie deshalb designierter Vorstand für IT bei der GLS Bank. Im Interview verrät sie, warum Schubladendenker Potenzial verschenken und wie sie 120 Karriere-Fürsprecher gewann.

Frau Osmanoglu, Sie sind designierter Vorstand für IT und Orga in einer Bank mit einem Bilanzvolumen von 4,17 Milliarden Euro – und Sie sind unter 40, Sie sind eine Frau, und Sie haben einen türkisch klingenden Namen. Womit fallen Sie da am meisten auf?

Aysel Osmanoglu: Kommt eine Frau in eine gehobene Position, fällt in Deutschland gleich der Begriff Frauenquote. Aber Schubladen wollte ich immer vermeiden. Wenn ich mich vorgestellt habe, habe ich deswegen über meine fachliche Erfahrung gesprochen. Doch unser Vorstandssprecher Thomas Jorberg sagte zu mir, er könne es zwar sehr gut nachvollziehen, dass ich nicht in eine Schublade mit der Aufschrift „Migrationshintergrund“, „ weiblich“ oder „Mutter“ gesteckt werden möchte. Er sagte allerdings auch auch: „Aber genau das alles macht dich doch aus – als Mensch und als Führungskraft.“ Das fand ich einleuchtend. Wenn mich Menschen auf so etwas ansprechen, dann erzähle ich das inzwischen alles – das ganze Paket! (lacht)

Ihre Schubladenvielfalt zeigt am Ende noch, dass andere Frauen in Führungspositionen auch nicht in erster Linie als Frauen zu betrachten sind.

Unabhängig von einer Führungsposition finde ich: Wenn Sie einen Menschen vor sich haben, wollen Sie ihn doch als Ganzes wahrnehmen. Es geht nicht nur um eine Aufgabe, die dieser Mensch am besten kann, sondern er bringt ja noch viel mehr Potenzial mit. Wenn man das mal alles sehen und nutzen würde!

Stattdessen sorgen sich viele Menschen, dass jede Art von Andersartigkeit die Karriere erschwert. Erinnern Sie sich an Momente in Ihrem Lebenslauf, wo es auch mal ein Vorteil war, nicht genauso zu sein wie die anderen?

Ich denke, Sie hätten mich nicht angerufen, wenn ich stinknormal wäre. (lacht) Ich kann Ihnen den Effekt am Beispiel unseres Unternehmens erklären. Wer von der GLS Bank kommt, bekommt in unserer Branche große Aufmerksamkeit. Früher wurden wir sehr oft als die Ökos mit anthroposophischem Hintergrund belächelt: Könnt ihr alle eure Namen tanzen? Aber das hat sich gewandelt. Weil wir ein Geschäftsmodell haben, schauten schon während der Finanzkrise alle auf uns, sogar mit Neid. Wenn Sie die Volksbank oder die Deutsche Bank fragen, warum die Kunden zu ihnen kommen, dann sagen die vielleicht: Wegen des Girokontos, des Preises oder so. Solche Merkmale kann man schnell nachmachen. Aber ein Geschäftsmodell mit einem bestimmten Wertekanon kann man nicht übers Wochenende kopieren. Da hat die Andersartigkeit Vorteile.

Ihr Vorstandssprecher Thomas Jorberg hat kürzlich den Ausstieg aus rein renditegetriebenen Geschäften gefordert. Das klingt für eine Bank ganz schön seltsam, aber auch möglicherweise bahnbrechend. Wird Ihnen manchmal mulmig bei dem, was Sie am Horizont sehen und mit entscheiden oder mittragen sollen?

Beim Mitentscheiden und Mittragen wird mir nicht mulmig. Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe, da sehe ich viel Entwicklungspotenzial für mich persönlich, es ist faszinierend und eine große Herausforderung.

Statt einem mulmigen Gefühl eher Respekt vor einer Aufgabe: Wie machen Sie das?

Diese Einstellung kommt aus der Erfahrung. Ich habe immer noch großen Respekt vor einer Herausforderung, aber in der Vergangenheit erlebt: Wenn du das in die Hand nimmst, aktiv machst und dich mit der Sache verbindest, dann klappt es. Und sollte es nicht klappen, dann habe ich es wenigstens versucht. Ich bin in Bulgarien geboren, später ist die ganze Familie über Nacht in die Türkei ausgewandert, quasi geflüchtet. Die Türkei war aber nicht mein Traumland. Deshalb entschied ich mit 18: Jetzt gehe ich nach Deutschland, lerne die Sprache, mache dort Abitur und studiere. Ich wollte etwas verändern, und beim Volkswirtschaftsstudium bekam ich Zweifel: Kann man auf einer makroökonomischen Ebene etwas bewirken, wenn man nicht gerade EZB-Chef ist? So toll ich Heidelberg auch fand, für die Mikroebene gab es dort nicht das passende Studienfach. Also packte ich erneut meine Sachen und studierte in Frankfurt BWL.

Heute sind Sie designierter Vorstand in einer Bank, die Sinn vor Gewinn stellt. Viele Menschen sehen das Geldverdienen auf der einen Seite und das sinnvolle Tun auf der anderen. Wieso erscheint das so sehr als Gegensatz?

Ich glaube, man kann Arbeit immer mit Sinnhaftigkeit verbinden. Man muss nur für sich entdeckt haben: Was sind meine Werte? Ich fände es zum Beispiel total schwierig, in einem waffenproduzierenden Unternehmen zu arbeiten. Für mich ist es wichtig, dass ein gesellschaftlicher Nutzen in dem entsteht, was ich mache. Und ich bewundere zwar Menschen, die sagen: Fertig, Feierabend. Aber ich kann das nicht. Ich sehe meine Arbeit als Teil meines Lebens, und deshalb möchte ich auch diesen Teil sinnvoll verbringen.

Zu Ihrem Leben gehört auch eine Familie. Haben Sie einen Tipp, wie man das Kind tatsächlich noch zu sehen bekommt und trotzdem an der Karriere weiterarbeitet?

Also, Karriere … Das hat sich Schritt für Schritt ergeben. Ich setzte mich für meine jeweilige Aufgabe mit meinem ganzen Wesen ein. Und das ist auch der springende Punkt bei Ihrer Frage: Wenn ich in der Bank bin, dann gebe ich alles, und wenn ich zu Hause bin, dann gebe ich auch alles. Meine Tochter ist fünf, spätestens um acht ist sie im Bett. Deshalb verlasse ich das Büro meist spätestens um 18 Uhr. Und wenn ich auswärts Termine habe, nehme ich mir morgens Zeit, bevor ich in den Zug einsteige. Dann bin ich hundertprozentig bei ihr, da mache ich nicht am Frühstückstisch Termine oder telefoniere. Der Arbeitgeber muss das natürlich mitmachen, man muss aber auch selbst diszipliniert sein.

Gute Arbeit allein reicht selten zum Weiterkommen. Wie haben Sie die richtigen Leute auf Ihre Erfolge aufmerksam gemacht?

Wenn Sie ein Thema begeistert angehen und einen tollen Job machen, dann findet das in einem Unternehmen Fürsprecher wie Helga Koch: Sie hat mich als studentische Hilfskraft in Empfang genommen und mir alles gezeigt. Später war sie meine Abteilungsleiterin und Mentorin. Und noch später haben meine Mitarbeiter im Unternehmen über meine Arbeit gesprochen.

Wie sind Sie zu dieser Art Fürsprecher gekommen?

Das liegt daran, dass ich die Mitarbeiter einbeziehe. Ich spreche immer offen mit ihnen, auch über schwierige Dinge, etwa wenn man Kosten einsparen muss. Meisten haben die Mitarbeiter ja Ideen, nur erleben sie oft, dass sie nicht umgesetzt oder weiterverfolgt werden. Wenn eine Vorgesetzte aber diese Ideen aufnimmt, sind die Mitarbeiter so glücklich, dass sie darüber sprechen. Das verstehe ich unter Führungsqualität: Die Mitarbeiter in den Vordergrund zu stellen und sie so zu unterstützen, dass sie die Dinge in die Hand nehmen und Verantwortung übernehmen. Und ich hatte 120 Menschen in meiner Abteilung, wenn Sie da einen super Job machen, dann haben Sie 120 Menschen, die darüber reden, wie toll Sie das machen.

Bild: Martin Steffen

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