
KI schafft gerade neue Jobs, hohe Gehälter und neue Führungspositionen. Frauen profitieren davon deutlich weniger als Männer. Gleichzeitig wird besonders in kreativen Branchen erbittert darüber gestritten, ob man KI überhaupt einsetzen sollte. Mich irritiert diese Debatte zunehmend. Viele Einwände gegen KI sind berechtigt. Auffällig ist trotzdem, wie selektiv wir bei technologischem Wandel moralisch werden.
Um zu analysieren, wer vom KI-Boom profitiert, lohnt sich zunächst der Blick in die USA. Im Silicon Valley und bei einigen der weltweit wichtigsten KI-Unternehmen entsteht vieles deutlich früher, was später auch andere Arbeitsmärkte prägt. 26 Prozent! So hoch war 2025 der Frauenanteil bei Neueinstellungen in KI-Berufen in den USA. Das ist eines der Ergebnisse einer Mitte August veröffentlichten LinkedIn-Analyse zur Rolle von Frauen im KI-Arbeitsmarkt. Bei Jobs außerhalb des KI-Bereichs waren es 50 Prozent. Noch dünner wird es an der Spitze: In 27 untersuchten Ländern halten Frauen nur 13 Prozent der C-Level-Positionen in KI-Unternehmen. Gleichzeitig haben sich die Stellenanzeigen für KI-Jobs in den USA seit 2023 ungefähr verdoppelt. Das typische ausgeschriebene Gehalt liegt laut LinkedIn bei rund 177.000 Dollar – mehr als doppelt so hoch wie bei Nicht-KI-Jobs.
Die Entwicklung zeigt sich auch in Europa. Allein in der EU sind LinkedIn zufolge in den vergangenen zwei Jahren mehr als 256.000 neue KI-bezogene Rollen entstanden. In den USA haben sich Ausschreibungen für VP-of-AI-Positionen ungefähr versechsfacht. Neben technischen Jobs entstehen damit neue Führungsfunktionen rund um eine Technologie, die zunehmend mitbestimmt, wie Unternehmen arbeiten und Entscheidungen treffen.
»Mit anderen Worten: Gerade entsteht ein neuer Arbeitsmarkt mit ziemlich viel Geld, Einfluss und Karrierepotenzial. Frauen stehen dabei mal wieder nicht unbedingt in der ersten Reihe.«
Man könnte jetzt darüber reden, wie wir das ändern, welche Kompetenzen Frauen brauchen, wie sie KI für ihre Arbeit nutzen können, ohne ihre eigene Leistung austauschbar zu machen und wie verhindert werden kann, dass dieselben Strukturen, die wir aus der Tech-Branche seit Jahrzehnten kennen, einfach in die nächste Technologiewelle übertragen werden. Stattdessen begegnet mir besonders in kreativen Branchen immer wieder eine ganz andere Diskussion: Darf man KI überhaupt benutzen?
Die Buchbubble und ihre roten Linien
In der Buchbubble beispielsweise wird KI schnell zur Gesinnungsfrage. Teilweise habe ich den Eindruck, dass schon die bloße Nutzung eines KI-Tools reicht, um unter Rechtfertigungsdruck zu geraten.
Der Tenor:
- KI-generiertes Cover? Geht gar nicht.
- KI für Social Media? Schwierig.
- KI für Werbetexte? Verdächtig.
- KI beim Schreiben? Sowieso indiskutabel.
Ich verstehe einen Teil dieser Ablehnung sehr gut. Ich bin selbst Autorin und Verlegerin. Natürlich möchte ich nicht, dass der Buchmarkt irgendwann mit in Minuten erzeugten Romanen zugeschüttet wird. Ich möchte nicht, dass jemand die Stimme einer Autorin imitiert, Illustrationen im Stil lebender Künstler:innen generiert oder ein Manuskript ungefragt in irgendein KI-System hochlädt.
Auch die Authors Guild warnt vor solchen Entwicklungen. Sie fordert den Schutz menschlicher Urheberschaft und weist auf ungeklärte Trainingsdaten, fehlende Zustimmung und die Verwendung geschützter Manuskripte in KI-Systemen hin. Allerdings unterscheidet sie ziemlich deutlich zwischen verschiedenen Formen der KI-Nutzung. Recherche, Brainstorming, Strukturarbeit oder sprachliche Hilfsmittel sind etwas anderes als ein komplett generierter Buchtext. Diese Unterscheidung erscheint mir wesentlich sinnvoller als die Frage, ob KI-Nutzung grundsätzlich gut oder böse ist. Denn: Ein KI-generierter Instagram-Post macht noch kein KI-generiertes Buch. Eine Autorin, die sich zehn Varianten für eine Anzeigenheadline vorschlagen lässt, hat deshalb nicht ihren Roman von ChatGPT schreiben lassen. Und eine weitere Frage drängt sich mir auf:
Seit wann schützen wir kreative Jobs eigentlich so konsequent?
Eines der stärksten Argumente gegen KI lautet: Sie kostet kreative Jobs. Grafiker:innen verlieren Aufträge, Texter:innen werden ersetzt, Sprecher:innen konkurrieren mit synthetischen Stimmen. Das ist eine reale Gefahr. Darüber müssen wir reden. Was mich allerdings stört, ist die moralische Reinheit, mit der diese Diskussion teilweise geführt wird.
Denn wenn du Spotify oder Apple Music nutzt, Netflix abonnierst, Bücher im Stream hörst und Nachrichten kostenlos über Social Media konsumierst, profitierst du längst von Geschäftsmodellen, die kreative Arbeit billiger, schneller und jederzeit verfügbar machen – und dabei auch ihre Vergütung verändern.

ikonist:a Buchtipp
Die spannendsten Jobs werden nie ausgeschrieben – aber mit KI kriegst du sie: Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt rasant. Jobs entstehen und verschwinden, Karrierewege verlaufen kaum noch linear – und wer die besten Positionen will, muss strategisch vorgehen. Silke Grotegut und Marcel Zimmermann zeigen Schritt für Schritt, wie du KI zu deinem persönlichen Karriereplaner machst – mit erprobten Prompt-Vorlagen, Praxisbeispielen und exklusiven Einblicken aus der Arbeit mit Headhuntern und HR-Verantwortlichen. Für Berufstätige und Jobsuchende auf allen Karrierestufen – vom Young Professional über die erfahrene Führungskraft bis zum Executive.
Silke Grotegut & Marcel Zimmermann
Montagshappen Verlag, 2026
204 Seiten, 24,99 Euro
Beim Musikstreaming diskutieren Künstler:innen seit Jahren über ihre Vergütung. Spotify zahlt insgesamt enorme Summen an die Musikindustrie. Was davon am Ende bei der einzelnen Musikerin ankommt, hängt allerdings von Streamshare, Label, Verlag, Vertrieb und individuellen Verträgen ab. Ein einzelner Stream bringt niemandem automatisch einen klar definierten Betrag.
Streaming hat Musik unglaublich bequem gemacht. Für uns Nutzer:innen. Wir zahlen einen überschaubaren Monatsbeitrag und bekommen dafür nahezu alles, jederzeit und überall. Und wir haben dieses Geschäftsmodell ziemlich bereitwillig angenommen.
Umso irritierender finde ich es, wenn ausgerechnet bei KI so getan wird, als sei die wirtschaftliche Veränderung kreativer Arbeit ein völlig neues moralisches Problem. Schlechte Vergütung bleibt schlechte Vergütung – unabhängig davon, ob sie durch Streaming, Plattformlogik oder KI verschärft wird. Die Empörung darüber fällt nur erstaunlich unterschiedlich aus. Technischer Fortschritt wird schnell akzeptiert, solange er vor allem die Arbeit anderer verändert. Wenn er plötzlich die eigene Berufsgruppe erreicht, entdecken wir die Ethik.
Auch Hörbücher funktionieren längst nach Nutzungslogik.
Das gilt inzwischen selbst für Bücher. Beim Hörbuchstreaming wird häufig nach Nutzung vergütet. Je nach Plattform und Modell fließen Einnahmen in Pools oder werden anhand der tatsächlichen Hörzeit verteilt. Viele kleine Ausschüttungen statt eines klaren Stückpreises – auch dieses Prinzip kennen Kreative längst.
Und auch bei KI-Stimmen ist die Realität komplizierter, als es die einfache Gegenüberstellung »echte Sprecherin gut, KI-Stimme schlecht« vermuten lässt. Firmen wie ElevenLabs etwa ermöglichen professionellen Sprecher:innen, ihre eigene Stimme zu klonen und in einer Voice Library verfügbar zu machen. Wird diese Stimme von zahlenden Kund:innen genutzt, werden die Sprecher:innen beteiligt. Die Stimme wird also nicht zwangsläufig ungefragt kopiert. Es gibt auch Modelle, bei denen Menschen ihre Stimme bewusst lizenzieren und daraus Einnahmen erzielen.
Ob diese Vergütung am Ende hoch genug ist, können und sollten wir diskutieren. Das gilt allerdings genauso für Musik- und Hörbuchstreaming. Spannender finde ich aber andere Fragen wie: Hat die Person zugestimmt? Behält sie Kontrolle über ihre Stimme? Kann sie die Nutzung beenden? Und verdient sie daran mit? Damit lässt sich sehr viel besser über faire KI-Nutzung diskutieren als mit einem grundsätzlichen Verbot synthetischer Stimmen.
»Keine KI« ist keine Strategie
Natürlich kann jede Autorin sagen: Ich möchte KI nicht benutzen. Völlig legitim. Was ich weniger nachvollziehen kann, ist der Anspruch, daraus eine moralische Regel für alle anderen zu machen. KI verschwindet nicht wieder, nur weil wir sie aus unserem persönlichen Workflow verbannen. Unternehmen, Agenturen, Plattformen, Kund:innen und Kolleg:innen setzen sie längst ein. Wer die Technologie nicht kennt, kann ihre Möglichkeiten und Grenzen auch schlechter beurteilen.
»Ich benutze grundsätzlich keine KI« ist eine persönliche Entscheidung. Für eine Zukunftsstrategie halte ich es jedoch nicht. Warum fragen wir uns nicht besser: Was lasse ich die KI für mich machen – und was auf keinen Fall?
Niemand braucht noch mehr KI-Einheitsbrei
Man muss nur fünf Minuten durch LinkedIn scrollen, um zu sehen, was passiert, wenn Menschen sich diese Frage nicht stellen. Eine steile These, dann drei Learnings, drei Häkchen und vielleicht noch ein Satz wie: »Das hat meine Sicht auf Leadership komplett verändert.« Zum krönenden Abschluss ein obligatorisches »Wie siehst du das?«.
Ich sehe vor allem, dass ich denselben Post heute schon zwölfmal gelesen habe. Keiner braucht glattgebügelte Social-Media-Texte, die alle gleich aussehen und dasselbe sagen.
»KI macht es allerdings unglaublich leicht, in kürzester Zeit sehr viel mittelmäßigen Content zu produzieren. Veröffentlicht wird dieser Mittelmaß-Output am Ende trotzdem von einem Menschen.«
Eine KI kann mir einen Rohentwurf liefern, sie kann mir gern auch fünf Hooks vorschlagen, kann aus einem langen Artikel Varianten für LinkedIn, Instagram oder einen Newsletter bauen. Oder sie kann mir dabei helfen, einen Gedankengang zu sortieren oder überflüssige Wiederholungen zu finden.
Danach beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Stimmt das, was da steht? Klingt das überhaupt nach mir? Ist die Aussage banal? Stehe ich tatsächlich hinter dieser Aussage? Würde ich diesen Satz auch sagen, wenn mir jemand gegenübersäße?
Stelle ich mir all diese Fragen nicht, skaliert KI nicht nur gute Ideen. Sie skaliert vor allem auch Mittelmaß. Davon gibt es ohnehin schon genug. KI darf mir gern Arbeit abnehmen, aber auf keinen Fall meine Persönlichkeit. Da ziehe ich meine Grenze.
Ich möchte auch einen Roman verschlingen, weil ein Mensch mir etwas erzählen will. Bei einem LinkedIn-Post möchte ich wissen, was diese Person tatsächlich denkt. Ich möchte einen Newsletter lesen, weil dort jemand Themen ausgewählt, gewichtet und eingeordnet hat. Ob dieser Mensch sich vorher von einer KI zehn Überschriften hat geben lassen, einen Absatz hat kürzen lassen oder mit ihr über die Gliederung diskutiert hat, interessiert mich vergleichsweise wenig. Ich möchte am Ende noch erkennen können, wer da spricht.
Das gilt auch für Marketing. Nur weil ein Verlag KI benutzt, um Social-Media-Posts für ein Buch zu entwickeln, bedeutet das nicht, dass er dieses Buch mit KI produziert hat. Diese Gleichsetzung ist zwar bequem, ich halte sie aber für ziemlich unsinnig. Wir beurteilen schließlich auch keinen Roman danach, ob die Autorin Excel für ihre Kapitelplanung verwendet, Canva für eine Story-Grafik oder eine Rechtschreibsoftware fürs Korrektorat. Das Werkzeug allein erzählt uns noch erstaunlich wenig über die kreative Leistung.
Frauen trifft der KI-Wandel doppelt
Dass KI die Arbeitswelt verändert, halte ich zunächst einmal nicht für das Problem. Deutlich problematischer ist, wer von dieser Veränderung profitiert – und wer ihr stärker ausgesetzt ist. An dieser Stelle sollten wir Frauen aufhorchen: Laut einer aktuellen Untersuchung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sind frauendominierte Berufe fast doppelt so häufig generativer KI ausgesetzt wie männerdominierte – 29 Prozent gegenüber 16 Prozent. Gleichzeitig sind Frauen in den neuen KI-Berufen deutlich unterrepräsentiert.
»Das heißt: Frauen arbeiten überproportional häufig in Berufen, die sich durch KI verändern könnten, und unterproportional häufig in denen, die diese Veränderung gestalten.«
Das halte ich für das sehr viel größere Problem als die Frage, ob jemand seinen Instagram-Text mit KI erstellt.
»KI-exponiert« bedeutet schließlich nicht automatisch, dass ein Beruf verschwindet. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich Aufgaben verschieben: Manche Arbeitsschritte werden automatisiert, andere gewinnen an Bedeutung. Einige Leistungen werden billiger, andere womöglich wertvoller. Deshalb lohnt es sich, die Technologie zu kennen.
Wer weiß, was KI leisten kann, kann besser entscheiden, welchen Teil der eigenen Arbeit man ihr überlassen möchte – und welchen auf keinen Fall. Gerade Frauen können es sich deshalb kaum leisten, diese Entwicklung mit einem pauschalen »Ohne mich« abzutun. Damit sind wir wieder bei den 26 Prozent vom Anfang. Wenn Frauen bereits seltener in die gut bezahlten KI-Jobs hineinkommen und gleichzeitig stärker in Berufen arbeiten, die sich durch KI verändern werden, halte ich eine Botschaft für besonders gefährlich:
»Gute Kreative benutzen keine KI.«
Warum sollten ausgerechnet Frauen sich jetzt freiwillig aus dieser Entwicklung heraushalten?
Wer KI kennt, kann besser beurteilen, was sie tatsächlich leistet – und wo sie vor allem als Argument dient, Preise zu drücken. Man kann eigene Angebote weiterentwickeln, Arbeitsprozesse neu kalkulieren und in Unternehmen mitreden, wenn entschieden wird, welche Aufgaben künftig automatisiert werden. Vielleicht entstehen daraus sogar neue Geschäftsmodelle, etwa wenn Sprecher:innen ihre Stimme bewusst lizenzieren und an der Nutzung verdienen.
»Eine Technologie nicht zu benutzen, hält sie nicht auf. Es sorgt nur dafür, dass andere stärker mitbestimmen, wie sie eingesetzt wird.«
Und die Zahlen zeigen gerade ziemlich deutlich, dass diese anderen bisher besonders häufig Männer sind. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich will weiterhin Bücher von Menschen lesen – mit Erfahrungen, Widersprüchen, schrägen Gedanken, Fehlern und einer Stimme, die sich nicht beliebig austauschen lässt. Ich möchte Grafiker:innen für Gestaltung bezahlen, Sprecher:innen hören, die eine Geschichte interpretieren können, und Journalist:innen lesen, die recherchieren, zweifeln und Quellen gegeneinander halten.
Auch bei Social-Media-Posts möchte ich merken, dass dahinter tatsächlich eine Person steckt. »Von Menschen« muss für mich trotzdem nicht heißen: ohne jedes KI-Werkzeug entstanden.
Wir sollten unbedingt über Urheberrecht sprechen, über Trainingsdaten, Zustimmung, Vergütung, Kennzeichnung und den Wert kreativer Arbeit. Diese Debatten sind wichtig. Mich beschäftigt zunehmend, wer sie führt – und wer währenddessen Fakten schafft. Die Zahlen vom Anfang legen nahe, dass die gut bezahlten KI-Jobs und Führungsrollen bislang vor allem bei Männern landen.
»Ich habe aber wenig Lust auf eine Zukunft, in der Frauen die Risiken dieser Technologie besonders gründlich diskutiert haben, während Männer längst entschieden haben, was mit ihr möglich und profitabel ist.«
Das wäre eine ziemlich alte Geschichte mit einer sehr neuen Technologie.










