
Wenn wir zu wenig Zeit haben, streichen wir nicht unbedingt zuerst das Unwichtige. Im Gegenteil: Eine neue Studie zeigt, dass unter Zeitdruck ausgerechnet das aus dem Blick geraten kann, was uns persönlich wichtig ist. Warum ist das so – und was hilft dagegen?
Ein Kundentermin. Ein Artikel, der fertig werden muss. Die Steuererklärung. Der Einkauf. Irgendwas ist eigentlich immer. Und dann war da noch die Freundin, die wir längst anrufen wollten. Das Buch auf dem Nachttisch, der Spaziergang, für den heute keine Zeit blieb, der Sport, der mal wieder unter den Tisch gefallen ist, oder dieses eine Projekt, auf das wir wirklich Lust hätten. Nur haben ausgerechnet die schönen Dinge selten eine Deadline.
Eine Anfang August 2026 veröffentlichte Studie beschäftigt sich mit einem Phänomen, das die Forschenden »Time Poverty« nennen: das subjektive Gefühl, ständig zu wenig Zeit für all die Dinge zu haben, die erledigt werden müssen. Und dieses Gefühl verändert offenbar nicht nur unseren Stresspegel, sondern auch unsere Prioritäten.
Das Dringende verdrängt das Wichtige
Das Forschungsteam untersuchte in fünf Studien, was gefühlte Zeitknappheit mit unseren Zielen und unserem Sinnerleben macht. Das Ergebnis zog sich durch die verschiedenen Untersuchungen: Menschen, die sich zeitlich besonders unter Druck fühlten, maßen intrinsischen Zielen weniger Bedeutung bei.
Intrinsische Ziele sind die Dinge, die wir nicht verfolgen, weil jemand dafür eine Deadline gesetzt hat oder am Ende eine Belohnung wartet. Dazu gehören beispielsweise persönliche Entwicklung, gute Beziehungen oder das Gefühl, etwas Sinnvolles beizutragen. Dem gegenüber stehen extrinsische Ziele wie Geld, Status oder Anerkennung.
Hier wird es interessant: Unter gefühltem Zeitmangel wurden die intrinsischen Ziele weniger wichtig. Gleichzeitig empfanden die Menschen ihr Leben als weniger sinnvoll. Mit anderen Worten:
Wenn wir ständig zu wenig Zeit haben, bleibt möglicherweise nicht nur weniger Zeit für das, was uns wichtig ist. Es kann uns sogar weniger wichtig erscheinen.
Warum machen wir das?
Eine mögliche Erklärung liefert die sogenannte Scarcity Theory. Wenn eine Ressource knapp wird – in diesem Fall Zeit –, verengt sich unser Fokus. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das, was unmittelbar erledigt werden muss. Die Steuererklärung hat eine Frist. Die Präsentation muss morgen fertig sein. Der Kunde wartet auf eine Antwort. Eigentlich logisch.
Das Buch wartet dagegen geduldig auf dem Nachttisch. Die Freundin bekommt eben morgen eine Nachricht. Und der Spaziergang läuft auch nicht weg. Also erledigen wir erst einmal das Dringende. Und morgen wieder.

ikonist:a Buchtipp
Was braucht es für ein gutes Leben? Karoline Bitschnau-Dellamaria verbindet fünf Bereiche, die im Alltag schnell untergehen: Bewegung, Entspannung und Ernährung, Lernen, Lieben und Kommunikation. Ihr BELLA-Ansatz gefällt uns vor allem deshalb, weil daraus kein neues Selbstoptimierungsprogramm wird. Es geht um kleine Veränderungen und Mini-Habits, die auch dann noch Platz finden, wenn der Kalender eigentlich schon voll genug ist.
Karoline Bitschnau-Dellamaria: Jeden Tag ein bisschen stärker
Gabal Verlag, 2026
184 Seiten, 20,99 Euro
Kurzfristig erscheint diese Konzentration auf das Dringende durchaus sinnvoll. Problematisch wird es, wenn daraus ein Dauerzustand wird. Dann können langfristige und weniger konkrete Ziele aus dem Blick geraten.
Und jetzt noch Selbstfürsorge auf die To-do-Liste?
Die naheliegende Antwort wäre: Wir müssen uns eben mehr Zeit für die wichtigen Dinge nehmen. Nur: Woher soll die kommen? Wer ohnehin das Gefühl hat, dass der Tag zu wenige Stunden hat, braucht vermutlich nicht noch eine Liste mit Dingen, die jetzt unbedingt zusätzlich erledigt werden müssen: Dreimal pro Woche Sport. Täglich meditieren. Gesund kochen. Mehr lesen. Freundschaften pflegen. Acht Stunden schlafen. Und Dankbarkeit wäre natürlich auch noch schön. Schon beim Schreiben wird mir ein bisschen stressig.
Karoline Bitschnau-Dellamaria beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, was eigentlich zu einem guten Leben gehört. Ihre Antwort darauf gefällt mir, weil daraus nicht noch ein großes Projekt wird. Sie setzt auf kleine Dinge:
Ein paar Minuten Bewegung. Bewusst etwas lernen. Einen Moment wirklich entspannen. Ein gutes Gespräch führen. Einen Menschen aufmerksam wahrnehmen. Dinge also, die uns guttun und wichtig sind – ohne dass wir dafür gleich einen freien Nachmittag brauchen.
Spannend: Auch die neue Studie deutet in eine ähnliche Richtung. In einem Experiment bekamen die Teilnehmer:innen nämlich nicht mehr freie Zeit. Stattdessen sollten einige von ihnen bewusst darüber nachdenken, inwiefern ihre alltäglichen Aktivitäten ihren persönlichen Zielen entsprechen. Schon diese kurze Reflexion schwächte den Zusammenhang zwischen gefühltem Zeitmangel und geringerem Sinnerleben ab. Das löst natürlich keine strukturelle Überlastung und macht aus einem hoffnungslos überfüllten Kalender keinen entspannten. Aber zumindest stellt es unsere Herangehensweise infrage.
Vielleicht sollten wir nicht überlegen, wie wir noch mehr schaffen können, welche App uns effizienter macht und wo wir noch zehn Minuten herausholen können. Wie wäre es mit: Was ist mir wichtig – auch wenn es gerade nicht dringend ist? Möglicherweise müssen wir dafür gar nicht auf einen freien Nachmittag warten.











