»Liberating Structures sind einfache Spielregeln, um jede Stimme bei der Gestaltung der Zukunft mit einzubeziehen«

Wer noch nie von Liberating Structures gehört hat, es aber leid ist, in den immer gleichen Meetings und Konferenzen zu sitzen, sollte dieses Interview mit Anja Ebers und Birgit Nieschalk lesen. Sie haben gerade ein neues Buch herausgebracht mit Geschichten über Liberating Structures aus der Praxis und aus aller Welt, die Zusammenarbeit neu denken und organisieren.

Liebe Anja, liebe Birgit, erst einmal vorab: Was sind Liberating Structures und wie können sie die Zusammenarbeit von Menschen verbessern?

Wir glauben, dass die meisten Menschen jedes Teammitglied einbeziehen wollen und allen Menschen die Möglichkeit geben wollen, sich einzubringen, aber einfach nicht wissen, wie. Mit Liberating Structures gelingt das einfach und ist leicht umsetzbar. Liberating Structures (LS) sind einfache Spielregeln, die ermöglichen, jede Stimme bei der Gestaltung der Zukunft mit einzubeziehen und einzubringen.

Das Repertoire der LS besteht aus 43 praxisnahen Methoden, die so vielseitig sind, dass jede:r sie für ein breites Spektrum an Tätigkeiten und Herausforderungen einsetzen kann. Liberating Structures strukturieren das Miteinander in Gruppen so, dass jede:r sich auf Augenhöhe einbringen kann. Sie können außerdem ganz ohne Expertenausbildung angewendet werden.

Könnt ihr ein Beispiel einer Liberating Structure nennen und was sie bewirkt?

Birgit: Die einfachste und eine universell einsetzbare LS ist »1-2-4-All«. Hier beschreibt der Name gleichzeitig den Ablauf: eine Minute alleine Nachdenken, zwei Minuten zu zweit Austauschen, vier Minuten zu viert Ergebnisse zusammentragen und erweitern – und am Schluss in der gesamten Gruppe teilen. Das hilft auf ganz vielen Ebenen: Dass alle gleichzeitig arbeiten und nachdenken, sorgt dafür, dass alle Personen eingebunden sind und Ideen beitragen. Gleichzeitig haben wir in kürzester Zeit ein Fülle von Ergebnissen. Wir sind also viel schneller, als wenn immer nur ein Person redet. »1-2-4-All« kann zum Sammeln von Ideen, Fakten, Agendapunkten, nächsten Schritten, Lösungsvorschlägen oder Informationen jeglicher Art von eingesetzt werden. Die Ergebnisse sind dabei oft viel besser, da sie tiefer und breiter sind als bei anderen Methoden und alle Anwesenden dabei einbezogen werden. Dadurch tragen sie die Ergebnisse auch deutlich mehr mit.

Meine Beobachtung ist, dass die Verwendung von LS das Vertrauen in Gruppenprozesse wieder herstellen kann – so viele sind »abgegessen« von zu vielen und zu unproduktiven Treffen.

Anja Ebers

Anja: Wenn es mit Hilfe der Struktur Zeit zum Nachdenken gibt, wenn es möglich ist, erstmal im kleinen Kreis Inhalte zu verdichten, kommen wir regelmäßig auf bessere Ergebnisse als jede:r für sich allein. LS wirken so über die Verwendung der einzelnen Struktur hinaus und schulen einige einfache Grundfähigkeiten für die Zusammenarbeit in Gruppen.

Wie seid ihr selbst mit Liberating Strucutres in Kontakt gekommen?

Birgit: Ich bin auf einer Un-Konferenz für Agiles Arbeiten in eine Session gestolpert in der Liberating Structures zum Einsatz kamen. Ich war sofort so begeistert, dass ich mehr erfahren wollte. Direkt in der nächsten Woche – damals noch vollkommen unwissend – habe ich die erste Kölner LS User Group vorbereitet und moderiert. Das war der Beginn meiner Reise mit LS. Meine erste Anwendung im »wahren Leben« kann man übrigens im Buch nachlesen in meiner Geschichte »For the very first time«.

Anja: Ich hatte um 2015 herum das U.Lab durchlaufen – einen MOOC (Massive Open Online Course) zum Selbststudium über die Grundlagen der Theory U in Zusammenarbeit mit MIT Learn. Darin ging es um transformativen Wandel, Systemdenken, sowie bürgerschaftliches Engagement. Ich hatte für die Berliner Kursteilnehmer ein Meetup gegründet und kam darüber in Kontakt mit Sylvia Taylor. Als sie dann 2016 das LS Lab gründete, wurde mir ihr Meetup vorgeschlagen. Ich habe die LS, die in diesem ersten Meetup beschrieben wurde – ohne sie selbst erlebt zu haben – direkt für ein Debriefing eines Workshops angewendet und es hat super funktioniert. Ab da war ich »hooked«.

ikonist:a Buchtipp

Anja Ebers & Birgit Nieschalk: Liberating Structures: Stories from the Field – Collaboration Unleashed
Montagshappen Verlag, 2026
284 Seiten, 27,50 Euro

ISBN 978-3-98640-041-5

Wie entstehen diese Liberating Structures denn?

Entwickelt wurden Liberating Structures von Keith McCandless und Henri Lipmanowicz. Beide beschäftigten sich intensiv mit der Komplexitätstheorie und suchten nach Wegen, wie sich in Gruppen wirklich alle Beteiligten einbringen können.

Dafür haben sie über Jahre viel experimentiert: Sie probierten Methoden aus, veränderten sie, verfeinerten sie und passten sie immer weiter an. Weil die Ergebnisse überzeugten, wurden sie gebeten, ihre Erkenntnisse in einem Buch festzuhalten. So entstanden die Liberating Structures, die beide der Welt frei zugänglich zur Verfügung stellten, lizenziert unter Creative Commons.

Weltweit fingen viele Menschen an, die Strukturen zu nutzen, mit ihnen zu experimentieren und deren Anwendung zu verfeinern. Daraus wuchs eine große Anwendungspraxis und Community, deren Erfahrungen wieder zurück in die Weiterentwicklung flossen. Dieses Hin und Her aus Anwenden, Lernen und Bessermachen hält bis heute an.

Habt ihr einen Favoriten unter den Liberating Structures? Und welche würdet ihr Einsteigern empfehlen?

Birgit: Bei mir wechselt die Lieblings-LS über die Zeit immer mal wieder. Was ich am häufigsten nutze, ist »TRIZ« (creative destruction), um kontraproduktive Verhaltensweisen aufzudecken. Dabei frage ich die Gruppe in drei Schritten:

1. Was könntet ihr ganz konkret tun, um das Gegenteil eures Ziels zu erreichen? Also zum Beispiel euer Projekt so richtig gegen die Wand zu fahren?

2. Was von den Punkten, die ihr grade aufgelistet habt, tut ihr bereits?

3. Was beschließt ihr jetzt zu tun beziehungsweise nicht mehr zu tun?

Diese Struktur hat für mich eine große Wirkung, obwohl sie so simpel ist. Ebenso gerne verwende ich »Troika Consulting«. Dabei beraten sich drei Menschen gegenseitig bei einer aktuellen Herausforderung. Das führt zu hilfreichen Erkenntnissen über die Herausforderung selbst und über mögliche Lösungsschritte. Darüber hinaus stärkt es auch das Vertrauen und den Zusammenhalt der Gruppe. 

Anja: Bei mir ist immer viel los und ich fange gerne Neues an. Für mich alleine, um mich selbst zu strukturieren, nutze ich »Ecocycle Planning« – meine Geschichte in unserem Buch handelt auch davon. Diese Struktur hilft mir, den Wald UND die Bäume gleichzeitig zu sehen und mich kritisch zu hinterfragen, welche einzelne Initiativen ich vielleicht fahren lassen kann, um Energie für das zu haben, was mir wichtig ist.

Viele Liberating Structures kann man alleine nutzen. Die verwendete Struktur wird dabei zum Sparringspartner. So bekommt man Übung, auch wenn gerade keine Gruppe da ist, in der man sie anwenden kann oder möchte:

  • TRIZ, um Selbstsabotage zu beenden
  • 15% Solutions, um eine persönliche Weiterentwicklung anzugehen
  • 9 Whys, um zu klären, was bei einer Tätigkeit, in die viel Energie hineinfließt, wirklich wichtig ist
  • Ecocycle Planning, um die eigenen Aktivitäten, Beziehungen und Praktiken zu betrachten und Ansätze für Entscheidungen zu finden
  • What, So What, Now What?, um sich selbst nach einer Begebenheit zu sortieren

Unser Tipp für Einsteiger:innen:

Unser Arbeitsalltag steckt voller Meetings und fast jede:r kennt aus eigener Erfahrung, wie zäh und ermüdend sie oft sind. So verlockend es ist, mit Liberating Structures gleich das ganze Meeting auf den Kopf zu stellen, wir raten dazu, mit einer einzelnen Struktur anzufangen, um Schritt für Schritt Praxiserfahrung zu sammeln und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich das Miteinander durch Liberating Structures verändert.

Strukturen, die sich mühelos in gewohnte Meetingpraxis einbinden lassen, sind zum Beispiel »Impromptu Networking« als Check-in, das schon beschriebene »1-2-4-All« oder »What, So What, Now What?« im Anschluss an eine Präsentation sowie »15% Solutions« nach einem Lerninhalt.

Portrait von Anja Ebers in gelber Bluse

Anja Ebers

Lebendige und produktive Zusammenarbeit fördern – das hat sich Anja Ebers zur Aufgabe gemacht. Als unabhängige Prozessbegleiterin und -Beraterin unterstützt sie Führungsteams, Organisationen und Communitys dabei, partizipativ, agil und selbstwirksam zu werden. Sie ist eine versierte Community-Builderin und erfahrene „Liberating Structures“-Expertin. Ihr neues Buch zusammen mit Birgit Nieschalk »Liberating Structures: Stories from the Field« (Montagshappen Verlag) vereint die Erfahrungen von 39 Liberating-Structures-Anwendern von 5 Kontinenten. Anja meint es ernst mit dem Spaß. Ihre Einladungen zur Beteiligung sind unwiderstehlich.
https://www.akanto.de/

Portrait von Birgit Nieschalk mit weißem Shirt und rotem Jacket

Birgit Nieschalk

Birgit Nieschalk arbeitet mit Führungskräften und Organisationen, die sich für echte Partizipation, Eigenverantwortung und bessere Entscheidungsfindung einsetzen. Als Trainerin, Coach, Beraterin und Moderatorin unterstützt sie Führungskräfte und Teams dabei, ihre Zusammenarbeit zu transformieren – Liberating Structures stehen dabei im Mittelpunkt all ihrer Aktivitäten.
Die Liberating Structures (LS) Pionierin ist eine der bekanntesten Stimmen für LS im deutschsprachigen Raum, die aktiv zur globalen Liberating Structures Community beiträgt. Sie ist Gastgeberin von »LS Connect«, dem jährlichen Treffen der deutschsprachigen LS-Community, Mitbegründerin der Kölner LS-User-Group und sie leitet die »Liberating Lounge« – eine Online-Community für Menschen, die echte Zusammenarbeit in ihren Teams ermöglichen wollen.
https://birgit-nieschalk.com/ 

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