„IT-Unternehmen bewerben sich heute bei Frauen.“

Die IT-Branche ist gegen eine Frauenquote – aber die Diskussion darum hat eine Zeitenwende eingeläutet. Was das für künftige IT-Frauen bedeutet, erklärt der Sprecher des Fachausschusses „Frauen in der ITK“ beim Branchenverband Bitkom, Stephan Pfisterer.

Sprecher "Frauen in der ITK" beim Branchenverband Bitkom Stephan Pfisterer
Sprecher „Frauen in der ITK“ beim Branchenverband Bitkom Stephan Pfisterer

Herr Pfisterer, müssen Sie IT-Unternehmen für weibliche Führungskräfte erwärmen oder ist es eher so, dass Sie Frauen für solche Jobs begeistern müssen? Das hat sich komplett gedreht. Auch vor zehn Jahren hätten Unternehmen zwar überhaupt keine Probleme gehabt, Frauen einzustellen. Diese platte Diskriminierung haben wir schon eine ganze Weile hinter uns. Aber lange Zeit gab es eine subtile Diskriminierung durch die bestehenden Strukturen. Die haben es Frauen nur unter erheblichen Opfern und Anstrengungen erlaubt, Karriere zu machen. Selbst wenn sie sehr gut waren, erlebten sie: Wenn sie wegen der Familie mal ein Jahr weg waren, wurden andere vorgezogen, die nicht besser waren, aber eben permanent anwesend. Heute versuchen Unternehmen unter dem Druck der Öffentlichkeit, der Politik und auch unter dem Einfluss ihres eigenen Erkenntniszuwachses, Frauen gezielt zu gewinnen. Das heißt also, IT-Unternehmen bewerben sich heute bei Frauen – und nicht umgekehrt.

Viele hoffen derzeit, dass sich mit der Verlagerung in die Cloud Arbeitszeiten und -orte flexibler gestalten lassen. Wird sich das zuerst in der IT-Branche bemerkbar machen? Es wird sich bemerkbar machen, weil Cloud-Services auch für die IT-Branche als Anbieter eine große Rolle spielen. Viele Entwicklungsumgebungen sind auf virtuellen Plattformen, mit der Aufgabe der Präsenzkultur sind wir in der IT-Branche schon sehr weit. Aber es hat sich noch nicht so ausgewirkt, dass wir schon ganz viele Frauen gewinnen konnten.

Was tun die Unternehmen denn dafür? Viele haben etwa schon lange ein Mentoringprogramm, wo Manager mit interessanten jungen Damen essen gehen, aber es tut sich nichts. Nun erkennen sie: Man muss die Führungskraft am Ergebnis messen. Sie fragen: Ist die Person, die dein Mentee ist, innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Stufe höher? Und wenn nicht, musst du ganz klar sagen, warum das so ist, und du musst dich dafür rechtfertigen. Man dreht auch die Rechtfertigungen im Auswahlprozess um: Diejenigen, die die Stellen besetzen, müssen begründen, warum Frauen dafür nicht zu finden waren. Die Folge: Auf einmal finden sie dann Frauen. Das läuft derzeit zumindest bei einer Reihe von größeren Unternehmen ab. Dieser Bewusstseinswandel stellt sich nicht von heute auf morgen ein, er ist aber auf dem Weg.

Ganz freiwillig? Wir wollen nach wie vor keine Quote, unter anderem weil wir das auf allen Hierarchiestufen und nicht nur auf der Top-Ebene wollen. Aber man muss selbstkritisch sagen: Die Quotendiskussion hat viele wachgeküsst oder auch wachgetreten. Sie hat die Frauenfrage zu einem Topmanagement-Thema gemacht, so dass diejenigen, die sich im Unternehmen um die konkrete Umsetzung kümmern, jetzt hingehen können und sagen: Das ist das Thema meines CEO, und ich setze es um. Da kann niemand mehr entgegnen: Du, dafür habe ich jetzt keine Zeit. Allerdings fährt trotzdem nur eine kleine Minderheit von Unternehmen schon dezidierte Programme.

Was macht Sie dann so zuversichtlich? Ich glaube, es wird dahin gehen, weil ein Unternehmen inzwischen eine wirklich miese Presse bekommt, wenn es da nichts vorzuweisen hat. Und der deutsche Arbeitsmarkt ist nun einmal ziemlich ausgetrocknet. Im IT-Bereich haben wir derzeit 98.000 offene Stellen.

Bringen Frauen besondere Fähigkeiten in die IT-Branche ein? Ich glaube nicht, dass Frauen grundsätzlich die besseren Programmierer sind. Aber die deutsche IT-Landschaft ist sehr stark auf Zielbranchen hin orientiert, deshalb wird wesentlich mehr erwartet, als ein paar Algorithmen durchdeklinieren zu können. Da hat das selbstverständliche Reden über IT in einer Sprache, die auch ein Nicht-IT-ler versteht, durchaus Vorteile. Und dabei sind Frauen möglicherweise besser als Männer, weil sie weniger prätentiös auftreten und die Fachfrau raushängen lassen als so mancher Mann, der sich in einem nerdigen Techie-Image gefällt. So etwas trifft man bei Frauen nur ganz, ganz selten. Die moderne Informatik prägt eine stark zielgruppen- oder kundenorientierte Herangehensweise an technologische Produkte oder Aufgabenstellungen, die ökonomische oder soziale Prozesse unterstützen. Dazu muss man über den Tellerand hinausgucken, und dabei sind Frauen mit Sicherheit nicht benachteiligt.

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