
Viele Menschen suchen in turbulenten Zeiten nach Orientierung und stoßen dabei auf ein weit verbreitetes Missverständnis: Ziele müssten möglichst groß, mutig und visionär sein. Schließlich wird genau das in der Unternehmenswelt immer wieder gepredigt. Doch in Krisensituationen oder tiefgreifenden Transformationsprozessen liegt darin auf der persönlichen Ebene oft die Krux zwischen Selbstüberforderung und Selbstwirksamkeit.
Ziel versus Outcome
Ein Ziel ist für dich in Krisensituationen nur dann hilfreich, wenn es zwei Bedingungen erfüllt: Es fordert dich heraus, ist aber gleichzeitig für dich persönlich erreichbar. Eigentlich spreche ich lieber von Outcome, denn Ziele verbinden viele automatisch mit Wachstum, Verbesserung oder Veränderung. Doch manchmal ist – vor allem in Krisenzeiten – ein Outcome auch, den Ursprungszustand wiederzuerlangen oder etwas Wertvolles zu bewahren.
Vielleicht willst du deinen Job behalten, obwohl dein Unternehmen umstrukturiert. Vielleicht möchtest du die gute Stimmung in deinem Team erhalten, auch wenn es rundherum turbulent wird. Vielleicht willst du deine Gelassenheit schützen, obwohl alle anderen gestresst sind. Oder eine Freundschaft oder Beziehung reparieren, die gelitten hat. All das sind selbst dann wertvolle Outcomes, wenn sich nach außen hin nichts verändert.
Outcome bedeutet also sich zu Fragen: „Wo will ich hin?“ Das kann „weiter“ heißen, aber auch „hierbleiben“ oder „zurück zu dem, was einmal gut war“. Es geht nicht darum, immer oder sogar um jeden Preis mehr zu erreichen. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, was für dich in dieser Situation richtig ist.
Dabei darf dein Ziel mehr sein als ein messbares Ergebnis. Manchmal ist das eigentliche Ziel ein Zustand: innere Klarheit, Stabilität, Vertrauen oder das Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein. Vielleicht willst du dich sicherer fühlen in einer Entscheidung oder wieder Zuversicht spüren im Umgang mit Veränderung. Gerade in komplexen Situationen ist es dieses innere Erleben, das dir Orientierung gibt, nicht ein Meilenstein im Kalender. Auch das ist ein Outcome, vielleicht sogar eines der wichtigsten.
Ein Beispiel aus meiner Praxis macht das deutlich. Eine meiner Klientinnen, nennen wir sie Stefanie, ist Geschäftsführerin und wurde durch eine Restrukturierung in ihrem Unternehmen erschüttert. Ihr ursprüngliches Ziel war es, Klarheit im Außen zu finden. Sie suchte eine Antwort darauf, wie es beruflich weitergeht. Doch im Laufe unserer gemeinsamen Arbeit änderte sie diesen Wunsch.
Orientierung beginnt häufig innen
Ein Outcome, welches sie für sich identifizierte, war die Erlaubnis, nicht immer stark sein zu müssen. Sie erkannte, dass Unsicherheit im Wandel normal ist und es in Ordnung ist, sich davon zeitweise verunsichern zu lassen. Diese Akzeptanz gab ihr etwas Unerwartetes zurück: innere Klarheit. Eine Klarheit, die sie souveräner und widerstandsfähiger machte, als es jede äußere Gewissheit hätte tun können. Anfangs war sie überzeugt, Outcome müsse immer etwas im Außen sein, eine Entscheidung, eine Veränderung, ein auch für andere sichtbares Ergebnis. Doch dann erlangte sie eine neue Erkenntnis: Outcome kann auch ein innerer Zustand sein. Einer, der hilft, schwierige Situationen zu überstehen und im zweiten Schritt daran zu wachsen.
Genau dieses Spannungsfeld zwischen akuter Stabilisierung und langfristiger Entwicklung ist entscheidend. Nicht jedes Problem braucht sofort eine Lösung. Manchmal braucht es zuerst eine innere Antwort und damit einhergehend die Haltung, mit der du ihr begegnest.
Im ersten Schritt zählt daher, deine Ziele bewusst auf zwei Ebenen, kurzfristig und langfristig, zu denken. Die kurzfristigen Outcomes halten dich unmittelbar handlungsfähig. Die langfristigen sorgen dafür, dass du dranbleibst. Im Zusammenspiel geben sie dir Stabilität, Orientierung und einen realistischen Weg nach vorn.
Methoden und Tools wie du deine innere Logik zielgerichtet einsetzt
Ziele geben Richtung. Doch was gibt ihnen Motivation? Was entscheidet darüber, ob ein Ziel dich trägt oder auslaugt? Die Antwort liegt oft nicht im Ziel selbst, sondern im Grund, weshalb du es verfolgst.
Werte sind ein solcher Grund. Sie sind dein innerer Maßstab für tragfähige Entscheidungen in bewegten Zeiten. Sie verleihen deinen Zielen Bedeutung und Sinn. Wenn du deinen Zielen Substanz geben willst, brauchst du Klarheit darüber, was dir wirklich wichtig ist. Sonst läufst du Gefahr, Ziele zu verfolgen, die von außen plausibel wirken, dich innerlich aber leer lassen.
Ziele, die uns wirklich tragen, entspringen einem inneren Wunsch und der Bedeutung, die wir mit ihnen verbinden. Wenn Menschen in schwierigen Situationen neue Ziele formulieren, greifen sie oft zu dem, was logisch klingt oder notwendig erscheint. Doch solche Ziele verlieren schnell an Zugkraft. Sie funktionieren im Kopf, kommen aber nicht im Bauch und meist auch nicht im Handeln an. Es bleibt vielmehr ein Plan.
Gefühle sind wichtige Datenpunkte für deine Werte
Gerade in stürmischen Zeiten zeigen sich Werte als das, was sie sind: ein innerer Filter, der Orientierung gibt, wenn äußere Strukturen wackeln. Egal, ob du dich beispielsweise für oder gegen einen Karriereschritt entscheidest, ob du in einem Team weiterführst oder loslässt, die Frage dahinter ist oft dieselbe: „Was entspricht mir wirklich?“ Was ist mir wichtiger: Sicherheit oder Freiheit? Integrität oder Harmonie? Wirkung oder Zugehörigkeit?
Deine Gefühle zeigen dir, welche Werte im Spiel sind. Wie Susan David schreibt, sind Gefühle kein Fehler im System, sondern ein wichtiger Datenpunkt für die Werte dahinter. Was dich wütend macht, was dich traurig oder tief irritiert, weist oft auf Werte hin, die verletzt oder ignoriert wurden. Genau deshalb lohnt es sich, bei innerer Unruhe oder Zielkonflikten genauer hinzuschauen.
ikonist:a Buchtipp
Mirjam Berle: Klarheit: Impulse für mehr Stabilität und Selbstvertrauen mit der C.O.L.D.-Water-Methode
Vahlen, 2026
272 Seiten, 26,90 Euro
Wie kraftvoll dieser innere Maßstab sein kann, habe ich selbst erlebt. Als ich den DFB verlassen habe, war es genau dieser innere Kompass, der mir half, die Situation nicht als Scheitern zu sehen, sondern als Schritt nach vorn. (Ja, ohne Werte keine Be-WERT-ung.)
Was mir wirklich wichtig ist, sind Wirksamkeit, Handlungsfreiheit und Eigenverantwortung – auch dann, wenn es unbequem wird. Ich wollte gestalten, nicht nur verwalten. Ich wollte Entscheidungen treffen, die etwas bewegen, statt vor allem umzusetzen, was andere vorgeben.
Natürlich war es unangenehm, mir einzugestehen, dass ich nicht erreicht hatte, was ich gern erreicht hätte. Und trotzdem fühlte sich der Schritt richtig an – weil er mit dem übereinstimmte, was mir wichtig ist: nicht das Renommee einer exponierten Position, sondern die Möglichkeit, wirksam zu sein, selbstbestimmt zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Diese Klarheit hat mir Orientierung gegeben, als äußere Parameter ins Wanken gerieten. Und sie hat mir etwas ermöglicht, das in solchen Momenten oft fehlt: das Gefühl, handlungsfähig zu bleiben – im Denken, im Fühlen und im Entscheiden.
Coaching-Tipp: Du kannst Werte auf dreierlei Ebenen flexibel nutzen:
1. Konzeptionell: Werte sind kein starres Regelwerk, sondern ein flexibles Bezugssystem. Sie dienen als Orientierung, nicht zur starren Anwendung, sondern zum bewussten Abwägen.
2. Praktisch: Wenn du dein System kennst, kannst du Ambivalenzen aushalten, ohne dich zu verlieren. Du musst dich nicht für oder gegen einen Wert entscheiden, sondern kannst gezielt gewichten.
3. Strategisch: Gerade in dynamischen Zeiten schaffst du dir so Handlungsspielraum ohne Beliebigkeit. Du weißt, was dir wichtig ist und kannst transparent priorisieren, statt dich innerlich oder äußerlich zu zerreißen.

Unsere Autorin Mirjam Berle
Mirjam Berle ist Kommunikationsprofi, erfahrene Führungskraft und Autorin – mit einem besonderen Gespür, in komplexen Zeiten für Klarheit zu sorgen.
Durch ihre Führungserfahrung aus internationalen Konzernen wie Lufthansa Cargo und Goodyear, mittelständischen Unternehmen wie Thalia sowie ihrer eigenen Beratung weiß sie, worauf es in stürmischen Situationen ankommt. Als Geschäftsführende Direktorin beim DFB erlebte sie mitten in der Pandemie eine der größten Krisen des Verbands – und entwickelte daraus die C.O.L.D.-Water-Methode: ein praxiserprobtes Modell für innere Stabilität und Selbstwirksamkeit.
Foto: Claudia Simchen












