Wie kommuniziert man mit Menschen, die trauern?

Der Tod einer nahestehenden Person, eine schwerwiegende Diagnose oder ein unvorhergesehener Jobverlust – plötzliche Krisen führen oft zu einer Schockstarre, in der wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Damit aus dieser Hilflosigkeit keine dauerhafte Sprachlosigkeit wird, verrät Kommunikationsprofi und Trauerbegleiterin Anke Nennstiel im Interview, warum wir in diesen Ausnahmezuständen alle gängigen Kommunikationsregeln vergessen sollten und was stattdessen hilft.

Was ist im ersten Moment wichtig im Umgang mit Menschen, die einen plötzlichen Verlust erlebt haben?

Vergiss zuerst alle Regeln, die sonst für die Kommunikation gelten. Du befindest dich in einem kommunikativen Ausnahmezustand, in dem es oft kontraproduktiv oder sogar unmöglich ist, über das eigentliche Thema zu sprechen. Finde lieber andere kommunikative Wege, um eine Verbindung herzustellen, beispielsweise über Musik, Geschichten, symbolische Geschenke oder einen Spaziergang in der Natur. Dein Hauptziel ist hier: Trost zu spenden.

Wie stehst du zu Sätzen wie »Mein Beileid« und Co.?

Gerade bei diesem Extremfall in Sachen Krise, einem Todesfall, fängt die Unsicherheit häufig bereits beim Konversationsstart an. »Mein Beileid« oder „mein herzliches Beileid« empfinden viele als einstudiert, generisch, »meine Anteilnahme« als antiquiert. Beides ist zwar leicht abgedroschen, aber durch ihre Ritualisierung sind es trotzdem hilfreiche Formulierungen, die Trost spenden können. Mit ihnen kannst du erst einmal nicht viel falsch machen. Wenn du denkst, du weißt gar nicht, was du sagen sollst, ist es sinnvoll, genau das ehrlich zu kommunizieren. Je authentischer wir als Nicht-Betroffene reden, desto hilfreicher ist es für den anderen. Auch die eigene Erfahrung zu teilen und zu zeigen, dass man diese Art von Verlust nachempfinden kann, kann zwar dem anderen nicht den individuellen Schmerz nehmen, aber eine Verbundenheit schaffen, durch die er oder sie sich weniger allein und verstanden fühlt. Es hilft dem anderen außerdem, sich neu zu orientieren, wenn da jemand ist, der genau das bereits überstanden hat. Deshalb sind Trauergruppen auch sehr erfolgreich.

Trauer ist keineswegs nur ein Gefühl, sondern ein komplexer neurobiologischer Prozess. Verschiedene Hirnregionen interagieren miteinander, um den Verlust zu verarbeiten. Interessanterweise ähneln die Aktivitätsmuster im Gehirn während der Trauer denen, die bei Suchtverhalten beobachtet werden. Das Belohnungssystem wird aktiviert, wenn wir an die verstorbene Person denken oder uns nach ihr sehnen – ähnlich wie bei einem Entzug. Dies erklärt, warum Trauernde oft das Gefühl haben, »nicht loslassen« zu können. Dafür sollte das Umfeld auf jeden Fall Verständnis aufbringen.

Die Gesetzmäßigkeit für solche Situationen generell lautet: Die Bedürfnisse des Menschen, der sich in der Krise befindet, in den Vordergrund rücken, proaktiv immer wieder Gesprächsangebote oder andere Kommunikationsangebote machen.

Anke Nennstiel

Das bedeutet konkret?

Wenn der andere sich nicht öffnet, gehen wir schnell davon aus, er oder sie will ja nicht drüber sprechen. Auf ein einfaches »Wie geht es dir?« oder »Wie fühlst du dich?« haben die meisten Betroffenen allerdings einfach keine Antwort. Klassische Gesprächstherapien sind daher nicht unbedingt der richtige Ansatz für Trauernde. Zum Glück gibt es aber andere Möglichkeiten, in Kontakt zu kommen – etwa, indem man zusammen Musik hört. Über Musik lässt sich sprechen, ohne das eigentliche Thema direkt anzurühren.

Statt Gesprächstherapie können Menschen in Krisensituationen Tanztherapien und Bewegung helfen, Gefühle auszudrücken, Stresshormone ab- und Glückshormone aufzubauen – ob professionell angeleitet, zu Hause mit Musik oder im heimischen Wald. Die Natur kann sehr heilsam sein.

Eine weitere schöne Möglichkeit, die ich erst kürzlich entdeckt habe, ist die Bibliotherapie. Für Menschen, die gern schreiben, kann es befreiend sein, Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Daraus können wiederrum Gespräche entstehen, entweder mit einer vertrauten Person oder einem Therapeuten.

Letztlich gibt es kein Patentrezept für »richtiges Trauern«. Es hängt von der Persönlichkeit ab, welche Form der Kommunikation für die Trauerarbeit wirklich sinnvoll ist. Wer gerne schreibt, sollte schreiben. Wer tanzt, sollte tanzen. Wer draußen Kraft schöpft, sollte in die Natur gehen oder ans Meer fahren. Und wer reden möchte, soll reden.

Wichtig sind Struktur und Regelmäßigkeit. Trauernde schaffen es oft nicht allein, solche heilenden Dinge in ihren Alltag einzubauen. Sie brauchen ein Umfeld, dass wahrnimmt, was der einzelne Mensch gerade braucht, und konkrete Angebote macht: »Darf ich dir eine Suppe kochen?«, »Soll ich Musik anmachen?«, statt »Melde dich, wenn du was brauchst.« Trauernde Menschen wissen meist selbst nicht, was sie brauchen. Sie sind darauf angewiesen, dass sich ihr Umfeld kümmert.

Dabei müssen sie sich selbst um vieles Kümmern. Ist es sinnvoll, dass in solchen plötzlichen Krisensituationen wie einem Todesfall oder der Diagnose einer schweren Krankheit, erst einmal tausend Dinge zu erledigen sind?

Das ist etwas sehr Gutes, ja. Denn dabei geht es auch erstmal nicht um das eigentliche Thema, sondern es wird vor allem organisiert: die Beerdigung, der Therapieplan. Wenn Menschen dazu in der Lage sind, ist das bereits ein gutes Zeichen.

Der Teil bis zur Beerdigung, bis zum letzten Diagnoseschritt beim Arzt und der Organisation, wie wir von A nach B kommen, oder was auch immer das Thema ist, ist verhältnismäßig leicht. Wir haben eine Aufgabe, die uns morgens aufstehen lässt. Wir kommen ins Tun und das ist ganz wichtig für den Verabschiedungsprozess, denn das ist ja das, was diese Prozesse alle so gemeinsam haben. Wir müssen Abschied nehmen von was auch immer, von unserem Alltag, von geliebten Menschen, von Kollegen, von Angehörigen und dieses Leid oder diese Trauer muss gelebt werden.

Wenn diese sogenannten Traueraufgaben erledigt sind, beginnen Betroffene eigentlich erst, sich um sich selbst zu kümmern. Aber was sind dann ihre To-dos? Die sind nicht mehr so eindeutig. Gefühlt kämpfen die Leute erst mal so ums Überleben. Sie müssen sich in ihr eigenes Leben zurückkämpfen. Dies gilt im Übrigen für alle Arten von Verlusten – egal ob Job, Partner, Hund, Katze, Maus oder durch einen Umzug. Und das dauert je nach Typ und Thema bis zu anderthalb Jahre. Niemand trauert schnell. Alles andere ist Verdrängung.

So lange? Das ist dem Umfeld und Arbeitgebern vermutlich gar nicht bewusst, oder?

Tatsächlich nicht und auch den Betroffenen selbst ist das selten bewusst. Meine Lieblingsfrage von letzteren ist: »Ich weine die ganze Zeit. Wann hört das auf?« Und meine Lieblingsantwort darauf ist: »Wenn die letzte Träne geweint ist.« Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es bei Trauer und der Dauer des Trauerprozesses kein Richtmaß gibt, sehe ich als einen wichtigen Teil meiner Arbeit an.

Der Psychologe Hansjörg Znoj betont, dass »echte« Trauer sogar mehrere Jahre dauern kann – auch wenn die Gesellschaft meist erwartet, dass wir nach wenigen Monaten wieder »funktionieren«. Früher war es üblich, Trauer offen zu zeigen, etwa durch das Tragen schwarzer Kleidung oder anderer Symbole. Heute fehlt dieser gesellschaftliche Rahmen, was dazu führt, dass sich viele Trauernde unter Druck gesetzt fühlen, ihre Trauer zu verbergen und schnell wieder »zur Normalität« zurückzukehren.

Die Angebote vom Umfeld, kommen oft nur in der Anfangszeit bis zur Beerdigung und Co, dann ziehen sich die meisten Menschen wieder in ihr eigenes Leben zurück, machen keine Kommunikationsangebote mehr oder äußern das berüchtigte »Melde dich, wenn du was brauchst«. Sie nehmen eine Wartehaltung ein, obwohl die Betroffenen genau in dieser Zeit aktive Angebote brauchen. Diese Lücke fangen wir als Trauerbegleiter:innen häufig auf.

Portrait von Anke Nennstiel mit rotem Lippenstift und Leopardenoberteil

Über Anke Nennstiel

Anke Nennstiel ist seit über 15 Jahren auf die Neuausrichtung und Neuaufstellung von Menschen und Unternehmen an Wendepunkten spezialisiert. Sie ist zertifizierte Trauerbegleiterin, Kommunikationsprofi und unterrichtet unter anderem an der ARD.ZDF medienakademie.

Sie ist außerdem Interviewpartnerin im Buch »Der Kommunikationshappen«, das im September 2025 im Montagshappen Verlag erschienen ist.

Anzeige

Wissen im Quadrat: Der Kommunikationshappen

Ob in Unternehmen, dem öffentlichen Diskurs oder beim Stimm- und Markenaufbau – Kommunikation ist das verbindende Element unserer Zeit. Doch mit wachsender Komplexität steigen auch die Anforderungen an gelingende Kommunikation. 13 Kommunikations-Expert:innen gehen im neuen Interviewband den Herausforderungen moderner Kommunikation auf den Grund – und geben konkrete und praxisnahe Tipps. Denn gemeinsames Handeln beginnt mit guter Kommunikation.

Werbemockup des Business-Hörbuchs „Schäf:in oder Chef:in“ von Lutz Herkenrath mit prominenter Darstellung des Covers. Auf dem Cover steht in moderner Typografie: „Strategien für mehr Durchsetzungsstärke“ über dem Titel „Schäf:in oder Chef:in“ – gestaltet mit Gender-Doppelpunkten und dem roten Wort „oder“ senkrecht. Darunter der Autorname. Das Cover ist auf einem farbigen Verlaufshintergrund (Orange-Rosa) mit Kopfhörer und Wellenlinien platziert. Unten Text: „Jetzt als Download erhältlich“. Audiobook für Führungskräfte, Kommunikation und persönliche Weiterentwicklung.

HÖRBUCH-TIPP
Schäf:in oder Chef:in – Strategien für mehr Durchsetzungsstärke

Als Mittler zwischen den Welten schildert Lutz Herkenrath auf humorvolle Art die Regeln männlicher Machtkämpfe. Er verrät, wie Frauen sich darin behaupten können, ohne sich zu verbiegen, und warum Wut eine großartige Energiequelle für mehr Durchsetzungsstärke sein kann.

Anzeige

Keine Kompromisse

Keine Kompromisse: Die Kunst, du selbst zu sein und im Leben alles zu bekommen, was du willst.

In ihrem neuen Buch verrät dir Nicole Wehn, ihre 7 Schritte auf dem Weg in die Sichtbarkeit und für den Aufbau deiner authentischen Personal Brand. Warum? Damit du im Leben mit Leichtigkeit alles erreichst, was du dir wünschst. Denn die Zukunft ist weiblich!

Anzeige

Weiblich, Ü40, verlassen

Die Bucketlist für das Jahr danach. Wie du mithilfe von Yoga, Meditation und anderen Soforthilfen die Trennung überwindest, Gelassenheit, Unabhängigkeit und Selbstliebe lebst.

Anzeige

WordPress-Freelancer

Ich mache dich digital sichtbar, damit du Produkte und Dienstleistungen erfolgreich verkaufen kannst.

Das könnte dich auch interessieren