Wenn die Kunst verstummt: Die Zerstörung kulturellen Lebens in Gaza

Drei Wochen ist er inzwischen her, der israelische Luftangriff, der ein Café am Strand von Gaza-Stadt zerstört. Über 30 Menschen sterben, darunter die Künstlerin Amna al-Salmi, bekannt unter dem Namen Frans. Was nach einem weiteren tragischen Vorfall in einem seit fast zwei Jahren andauernden Krieg klingt, ist in Wahrheit ein tiefer Einschnitt in das kulturelle Leben einer Gesellschaft, die ohnehin kaum noch Raum für Kreativität findet.

Der Angriff

Am 1. Juli bombardierte die israelische Armee das Al-Baqa Café – einen der wenigen öffentlichen Orte, an denen sich Kulturschaffende, Journalist:innen und Familien begegneten. Die israelischen Streitkräfte sprechen von einem Angriff auf Hamas-Infrastruktur. Doch auf der Liste der Toten stehen keine Kommandeure, sondern Künstler:innen, Fotograf:innen, Schriftsteller:innen.

Israels Rechtfertigung

Die israelische Armee bestätigte den Angriff, erklärte aber, man habe gezielt Hamas-Mitglieder ins Visier genommen. Zivile Opfer habe man vermeiden wollen. Der Vorfall werde intern überprüft. Kritiker:innen verweisen jedoch auf die eingesetzte 500-Pfund-Bombe und die Tatsache, dass sich das Café in einem dicht besiedelten Küstenviertel befand. Der Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit steht im Raum – ob der Angriff ein militärischer Fehler oder eine bewusste Eskalation war, bleibt offen. Die Ergebnisse der internen IDF-Untersuchung sind bis heute nicht veröffentlicht.

Menschenrechtsexperte Gerry Simpson von Human Rights Watch kommentierte gegenüber dem britischen Guardian:

Die Armee wusste, dass der Einsatz einer großkalibrigen gelenkten Bombe viele Zivilisten töten und verstümmeln würde. […] Das muss als mögliches Kriegsverbrechen untersucht werden.

Gerry Simpson von Human Rights Watch

Frans

Amna al-Salmi war 36 Jahre alt und die Stimme für ein Leben im Ausnahmezustand. Ihre Werke zeigten das tägliche Leben in Gaza: geprägt von Krieg, Verlust, aber auch von Protest und Hoffnung. Neben ihrer künstlerischen Arbeit leitete sie Kinderworkshops und engagierte sich für den kulturellen Austausch. In einer Nachricht an ihren Bruder schrieb sie kurz vor ihrem Tod, laut The Art Newspaper:

Das Leben kann grausam sein. Es bringt uns in Situationen, in denen wir spüren, wie verletzlich wir sind, wenn wir allein sind – und wie viel Kraft wir aus den Menschen ziehen, die wir lieben.

Amna al-Salmi – palestinensische Künstlerin

Kultur – Ziel oder Kollateralschaden

Internationale Organisationen wie Human Rights Watch und die UNESCO warnen seit Jahren: Die gezielte oder fahrlässige Zerstörung von Kulturstätten und die Tötung von Künstler:innen und Journalist:innen dürfen nicht nur als ein Kollateralschaden betrachtet werden. Sie gefährden das kulturelle Erbe einer Region. Der Angriff auf das Café reiht sich ein in eine Serie von Treffern, die Kulturorte und zivilgesellschaftliche Räume in Gaza zerstörten: Im Oktober 2023 wurde das Al Qarara Cultural Museum in Khan Yunis vollständig zerstört – mit mehr als 3.500 historischen Objekten. Auch das Rashad Shawa Cultural Center, ein zentraler Ort für Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen, wurde schwer beschädigt. Das Zentralarchiv von Gaza-Stadt, in dem Dokumente aus über 150 Jahren palästinensischer Geschichte lagerten, fiel einem Luftangriff zum Opfer.

Laut UNESCO wurden bis Mitte 2025 über 110 Kulturstätten in Gaza beschädigt oder zerstört – darunter die Große Omari-Moschee sowie mehrere Kirchen. Zuletzt traf ein israelischer Angriff am 17. Juli die Holy-Family-Church, die letzte katholische Kirche Gazas, in der rund 450 Menschen Schutz gesucht hatten. Drei von ihnen starben. Jeder Bombe fallen damit nicht nur Menschenleben zum Opfer. Stück für Stück wird die Erinnerung ausgelöscht, an das Leben, das es vor dem Krieg gab – oder auch währenddessen. Umso bedeutender, dass wir uns trotz aller politischen Rechtfertigungen daran erinnern.

Der Holocaust-Überlebende und Literaturnobelpreisträger Elie Wiesel sagte einmal sinngemäß, dass Kultur ohne Erinnerung nicht existiere. Was also, wenn keine:r mehr da ist, der die Erinnerung am Leben hält? Wenn Künstler wie Frans sterben, verlieren Gesellschaften nicht nur Stimmen der Gegenwart. Sie verlieren ihre Erinnerung, ihre Ausdrucksformen, ihre Möglichkeit zur Erneuerung.

Ist die Zerstörung dieser Kultur ein gezielter Schlag gegen die zivile Identität Gazas – oder die Folge einer Militärlogik, in der der Schutz von Kunst und Kultur keinen Platz mehr hat? Klar ist: Drei Wochen nach dem Angriff, gibt es weder von israelischer Seite noch international ein Untersuchungsergebnis oder Konsequenzen. Aber die Welt verliert mit jedem solchen Angriff einen Teil ihrer Vielfalt und die Bevölkerung von Gaza ein Stück ihrer Kreativität. Zurück bleibt die Angst vor dem nächsten Schlag und vielleicht sogar die Angst davor, die eigene Kultur weiter zu leben.

Frei nach dem amerikanischen Schriftsteller Ray Bradbury:

Du musst die Kunst nicht verbrennen, um eine Kultur zu zerstören. Es reicht, wenn du die Menschen davon abhältst, sie zu betrachten.

Über Mona Schnell

Mona Schnell arbeitet seit 25 Jahren als freie Journalistin, Buchautorin, Ghostwriterin und PR-Beraterin für Künstler:innen und Expert:innen. Sie besticht durch Fachwissen, Vielseitigkeit und die thematische Breite ihrer Arbeit: Psychologie, Reise, Kultur, Wirtschaft, Finanzen und Politik. Ihre besondere Stärke: komplexe Themen verständlich, präzise und unterhaltsam aufzubereiten – mit Sinn für Zwischentöne und feinen Humor.
Ihr Wissensdurst spiegelt sich in zahlreichen Fortbildungen, unter anderem als Yogalehrerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie veröffentlicht regelmäßig eine Kommunikationskolumne in der Frankfurter Rundschau, verantwortet die Schlussredaktion des The Pioneer-Newsletters von Gabor Steingart und schreibt für zahlreiche weitere Medien.
Mona Schnell ist (Co-)Autorin der Bücher »Kill dein Kaninchen«, »30 Minuten sicher investieren«, »Weiblich, Ü40, Verlassen«, »Der Führungshappen« und »Der Kommunikationshappen«. Im Herbst 2025 erscheint ihr erster Roman unter dem Pseudonym Phoebe Skye.

27.06.-29.08.2025
MATTHEW COLLINGS: GAZA
Verena Kerfin Gallery, Berlin

In seiner Ausstellung »Gaza« widmet sich Matthew Collings dem unsichtbaren Erbe des Krieges: den ausgelöschten Gesichtern, Orten und Geschichten. Zehn neue Gemälde erzählen von Menschen, deren Leben – wie das der palästinensischen Künstlerin Heba Zagout – durch Gewalt endete, und lassen in leisen Bildern die Lücke spürbar werden, die jeder Verlust hinterlässt.

Ausstellungsplakat der Verena Kerfin Gallery für die Schau »Gaza« von Matthew Collings (27. Juni – 29. August 2025). Auf einer weißen Galeriewand hängen drei Porträtgemälde: links das Porträt von Hala Alyan mit dunklen Haaren auf hellem Hintergrund, daneben das Porträt von Refaat Al-Areer mit Mikro vor leuchtend rotem Hintergrund, rechts ein größeres Gemälde einer lächelnden Frau mit Kopftuch, Fatima Hassouna, vor gelb-dunklem Hintergrund.

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